MERSCH
SIMONE MOLITOR

„Im Schatten der Sphinx“: Ausstellung im CNL zeigt Künstlerbücher von Jean Delvaux

Populäre Kultfiguren wie Marilyn Monroe und Wonder Woman. Gestalten und Elemente aus der griechischen Mythologie. Die Sphinx, Minotaurus und das Labyrinth. Alte Fotos, Etiketten und Eintrittskarten. Platonische Körper und Messinstrumente. Jean Delvaux ist ein enthusiastischer Sammler. Mehr noch begeistert er sich für die Sammlungen anderer Sammler. Eigentlich sammelt er das Sammeln. Und dann zerstört er, um etwas Neues zu erschaffen. Er kombiniert, strukturiert, übermalt und bildet so eine neue Einheit. Das Ergebnis dieses Sammelns und dieser Auseinandersetzung mit Kollektionen sind Künstlerbücher sowie Collagen, die den Blick auf die Dinge verändern.

Eigentlich verspricht die Ausstellung „Im Schatten der Sphinx“, die derzeit im „Centre national de littérature“ (CNL) in Mersch zu sehen ist, dem Besucher Künstlerbücher. Das, was aber in den fünf Ausstellungsräumen geboten wird, geht weit darüber hinaus. Jean Delvaux konzentriert sich nämlich nicht nur auf das Kunstgenre „Livre d’artiste“, sondern nimmt den Besucher mit in seine private Wunderkammer und entführt ihn gleichzeitig in fremde - geografische und innere - Welten.

Eigenständige Kunstwerke

Künstlerbücher sind bekanntlich eigenständige Kunstwerke. In Buchhandlungen sucht man sie vergebens, weil es sich meist um Unikate handelt oder sie nur in kleinen Auflagen erscheinen. Bereits in den 1920er Jahren begannen die Künstler verschiedener Kunstströmungen, mit dem Medium Buch zu experimentieren. Auch Delvaux ist experimentierfreudig. In Mersch sind fast ausnahmslos Einzelstücke zu sehen. Es ist die bislang größte Ausstellung dieses wenig bekannten und zurückhaltenden Künstlers. Sie gibt einen umfassenden Einblick in sein künstlerisches Schaffen der Jahre 2010 bis 2015.

Das CNL verfügt übrigens über eine Sammlung, die immerhin rund 600 „Livres d’artiste“ umfasst. „Künstlerbücher werden in der Bücherkette oft vergessen, weil man sie nicht in den Buchläden sieht, sondern eher in Museen oder Archiven“, sagt CNL-Direktor Claude D. Conter, der uns durch die Ausstellungsräume führt. Wir tauchen in das Universum von Jean Delvaux ein. Die Ausstellung bezeichnet Conter als „Schule des Sehens“, weil „Delvaux detailversessen ist“. Schnell versteht man als Besucher, was er damit meint. Tatsächlich braucht man einerseits zwar Erklärungen, um den Kontext zu verstehen, andererseits ist „Im Schatten der Sphinx“ aber auch eine Ausstellung, bei der das Betrachten im Vordergrund steht, die man demnach alleine durch das Anschauen auf sich wirken lassen kann.

Vom Leporello biszum Kuriositätenkabinett

Delvaux hat verschiedene Typen von Künstlerbüchern geschaffen. Mal ist er sowohl Autor als auch Buchgestalter, mal benutzt er die Texte anderer Schriftsteller, dann gestaltet er wiederum Künstlerbücher mit starkem literarischen Hintergrund, in gewisser Weise Hommage-Bücher, oder aber er bewegt sich auf einer skulpturalen Ebene, indem er Bücher mit einer ganz unkonventionellen Faltung entstehen lässt. Das wohl populärste Genre ist das Leporello, das sich wie eine Ziehharmonika auseinander klappen lässt. Es kann normal gelesen, aber auch wie ein skulpturales Element aufgestellt werden. Der fünfte Typus kann nur noch bedingt als „Livre d’artiste“ aufgefasst werden, weil es sich um mit Sammelobjekten gefüllte Kästen handelt, die fast an kleine Kuriositätenkabinette erinnern.

Da es im CNL fünf Ausstellungsräume gibt, boten sich verschiedene Ordnungsmöglichkeiten an. Als Leitfaden wählte Delvaux die fünf platonischen Körper. „Meine Präferenz galt von Anfang an den regelmäßigen Polyedern, diesen geometrischen Wundern, von denen es fünf gibt, die platonischen Körper: Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder. Ich habe diesen Polyedern Themen zugeordnet, Eigenschaften, Farben, Lebewesen und Elemente - das Ganze von Platon inspiriert. Auf diese Weise habe ich eine Art Ordnung in die Präsentation meiner Künstlerbücher gebracht, die zwar - wie jede Ordnung - beliebig ist, aber systematisch funktioniert“, wird Delvaux im reich illustrierten Ausstellungskatalog zitiert. Jeder Saal steht unter einem bestimmten Motto: „Das Labyrinth in uns“, „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, „Anleitung zur Ratlosigkeit“, „Der fremde Mensch“ und schließlich „Im Schatten der Sphinx“. Wer genau hinschaut, erkennt schnell, dass sich manche Objekte wie ein roter Faden durch die Ausstellung ziehen.

Femme fatale und moderne Mythen

Es gibt indes in Delvaux‘ Werk kaum eine Darstellung eines Mannes, die Frau zeigt er dafür in den verschiedensten Assoziationen, als sexuelles Wesen, als Femme fatale oder aber als Privatperson im häuslichen Umfeld. Eine Hommage an schwarze Sängerinnen wie Ella Fitzgerald ist ebenso zu finden. Auf Wonder Woman wirft er dagegen einen sexistischen Blick, indem er sich auf verschiedene Details fokussiert, mal die roten Stiefel, mal das Bustier, mal der Hintern. Mit Marilyn Monroe begegnen wir in einem anderen Saal einer weiteren Figur aus der Populärkultur. „Figuren wie Marilyn Monroe oder Wonder Woman sind ja moderne Mythen. Sie sieht Delvaux gleichberechtigt mit griechischen Mythen“, weiß Conter.

Alte Fotos, die er auf Flohmärkten aufstöbert, üben eine besondere Faszination auf den Künstler aus. Sie benutzt er, um durch eine bestimmte Anordnung eine Bildergeschichte zu erzählen. Oder aber er zerschneidet sie und erschafft neue Porträts, teils groteske Figuren - so wie es die Dadaisten schon gemacht haben - oder sogar Fabelwesen. Je älter die Fotos sind, desto besser, wie Conter erklärt: „Die Fotos dokumentieren, dass wir sterblich sind. Da er sich viel mit der Mythologie, mit der Literatur und der Philosophie der Griechen auseinandersetzt, liegt der Gedanke des Memento mori nahe. Und weil wir sterben, sollen wir den Tag nutzen. Carpe diem. Dieses Zusammenspiel wird in solchen Collagen deutlich“.

Selten zuvor hat man im Merscher Literaturzentrum eine Ausstellung gesehen, die derart vielfältig, eindrucksvoll und bunt ist und deshalb wohl auch ein breites Publikum interessieren dürfte. Zeit für eine, im besten Fall geführte Besichtigung bleibt noch bis zum 28. April.

Infos unter www.cnl.public.lu