DÜDELINGEN
SIMONE MOLITOR

„Teutloff Collection“ im CNA: der Kreislauf von der Identifizierung über die Authentifizierung bis hin zur Restaurierung und Digitalisierung

Die von Edward Steichen zusammengestellte Ausstellung „The Family of Man“ hat seit ihrer Entstehung im Jahr 1955 unzählige Künstler, Kuratoren, Schriftsteller und Sammler inspiriert, so auch Lutz Teutloff (1938-2017). Der Unternehmer, Galerist, Ausstellungsmacher und leidenschaftliche Kunstsammler hat ab den 1990er Jahren geradezu obsessiv Werke, insbesondere Fotografien, von Künstlern der letzten 50 Jahre gekauft und unter dem Titel „The Contemporary Family of Man“ schließlich eine einzigartige Sammlung zusammengetragen. Nach seinem Tod wurde die „Teutloff Collection“ vom „Centre National de l’Audiovisuel“ (CNA) übernommen. Den Weg dazu hatte Teutloff selbst geebnet. „Er war sehr darauf bedacht, noch vor seinem Ableben einen idealen Ort für seine wertvolle Fotokollektion zu finden“, hatte CNA-Direktor Paul Lesch bei einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag erklärt (wir haben berichtet).

Dem passionierten Sammler ging es um die Visualisierung einer zeitgenössischen Menschheitsfamilie. Das Ergebnis sind 471 Kunstwerke von 195 Künstlern aus 40 Ländern, die nun alle in Düdelingen restauriert und anschließend digitalisiert werden. Eine Menge Arbeit liegt vor den CNA-Mitarbeitern und den externen Experten, wie auch uns während einer Besichtigung schnell klar wird. Phasenweise ist ein 16-köpfiges Team im Einsatz, um die Aufnahme der Sammlung ins CNA-Archiv nach allen Regeln der Kunst zu gewährleisten.

Entrahmung zwecks Identifizierung

„Jedes Werk durchläuft einen Kreislauf, der aus Identifizierung, Authentifizierung, Restaurierung und Digitalisierung besteht“, erklärt Anke Reitz, Kuratorin und Sammlungsleiterin der „Steichen Collections“, als wir den ersten abgedunkelten Raum betreten. Eines der Filmstudios des CNA wurde kurzerhand in ein Atelier umfunktioniert, das noch einmal durch einen Vorhang unterteilt ist. Im vorderen Bereich ist gerade die Restauratorin Laura Di Mola aus Luxemburg mit einem feinen Pinsel am Werk. „Sie ist unsere Spezialistin für die Rahmen“, erfahren wir von Anke Reitz. „Hier ist im Grunde die erste Station, wo die Werke ankommen und ausgerahmt werden, damit sie identifiziert werden können. Vom Rahmen selbst wird ein Zustandsbericht gemacht. Das passiert dann in der Restaurierungswerkstatt, wo auch der Zustandsbericht des Werks gemacht wird, bevor es dann an die Restaurierung und in einer nächsten Etappe an die Digitalisierung geht. Nachdem die restaurierten Bilder dann in ihr neues Passepartout montiert und neu gerahmt wurden, werden sie noch einmal von vorne und von hinten fotografisch erfasst“, fährt sie fort.

Dass bereits derart viel Zeit in die Begutachtung und Restaurierung der Rahmen investiert wird, war uns überhaupt nicht bewusst. „Es geht zum Beispiel darum, festzustellen, ob es sich um einen Künstlerrahmen handelt oder nicht. Diese Etappe passiert drüben im Labor, wo die Bilder und eben auch die Rahmen authentifiziert werden. Alles, was vom Künstler kommt, versuchen wir zu erhalten, insofern es dem Werk nicht schadet. Häufig muss aber das Passepartout oder der Montagekarton durch Material ersetzt werden, was neutral ist, wo demnach keine Chemie drin steckt, die dem Werk hinterher schadet“, gibt Anke Reitz zu bedenken.

Überführung ins Digitale

Hinter dem Vorhang befindet sich das Reich von Sven Erik Klein aus Saarbrücken, der die Überführung der Originalwerke ins Digitale vollbringt. „Es ist wichtig, alle relevanten Parameter möglichst genau zu erfassen. Dazu betreiben wir doch einigen Aufwand, immerhin sind nicht nur mögliche Katalogproduktionen oder Reproduktionen der Originale das Ziel. Vielmehr muss im Endeffekt die Möglichkeit gegeben sein, gute Faksimile herzustellen, für den Fall, dass die Originale sich in ihrem Zustand über die Jahre oder Jahrzehnte verschlechtern, den atmosphärischen Bedingungen bei Ausstellungen nicht mehr ausgesetzt werden können oder gar durch eine Katastrophe oder Diebstahl verloren gehen“, erklärt Klein. „Dazu arbeiten wir mit entsprechender Studioblitzbeleuchtung und einer 100-Megapixel-Kamera, was dann auch eine entsprechende Auflösung garantiert. Wir benutzen ein System, das von einem der größten Museen der Welt entwickelt wurde. Die digitale Überführung und Archivierung sind in der Kulturguterhaltung von großer Bedeutung“, meint er.

Trotzdem könne man weder die Farben noch das Licht wirklich hundertprozentig wiedergegeben. „Es gibt derweil verschiedene Wege, wie man alle Fehler, die in der digitalen Überführung vorkommen können, weitestgehend eliminieren kann. Dazu gehört unter anderem, dass wir mit speziellen Farbreferenztafeln arbeiten. Eine entsprechende Referenzkarte fotografieren wir deshalb immer mit“, fährt Klein mit seinen Erklärungen zu dem komplexen Verfahren fort. „Das ist alles recht kompliziert“, gibt er zu und lacht.

Geschichte des Werks rekonstruieren

Einen Gang weiter in der Restaurierungswerkstatt sind gerade Francesca Vantellini aus Luxemburg, Kerstin Bartels aus Berlin und Silvia Berselli aus Mailand – sie hat bereits die „Family of Man“ in den 90er Jahren restauriert - am Werk. „Für die Authentifizierung ist Silvia Berselli zuständig. Sie macht die Expertise, ermittelt den Marktwert, überprüft die Authentizität, auch des Künstlerrahmens, und so weiter. Dazu ist eine eingehende Recherche nötig, während der die Geschichte des Werks rekonstruiert wird. Bevor mit den notwendigen Restaurierungsarbeiten begonnen wird, wird immer ein Zustandsbericht ausgearbeitet“, beschreibt Anke Reitz, bevor Kerstin Bartels noch etwas genauer ins Detail geht.

„Es ist ein umfassendes Projekt, das damit beginnt, dass man erstmal erkennt, welche Fotografien vor einem liegen. Mit dieser Sammlung befinden wir uns in einer ganz interessanten Zeit, weil nämlich das Analoge und das Digitale zusammenkommen. Für uns bedeutet das aber wiederum, dass wir es mit sehr vielen unterschiedlichen Techniken zu tun haben: Digital Prints, Schwarz-Weiß-Fotografie auf Barytpapier, Polaroids oder auch auf Diasec aufgezogene Arbeiten“, informiert die Berliner Restauratorin. Das Mikroskop kommt zum Einsatz, verschiedene Lichtsituationen werden ins Spiel gebracht und letztlich zählt auch die Erfahrung des Expertenteams. „Es ist wichtig, dass wir im Team darüber sprechen, wer was sieht, wem was auffällt, bevor wir dann alle wichtigen Fakten notieren. Dazu gehören Datierung, Edition, Künstler und natürlich der Zustand des Werks in allen Details. Selbstverständlich werden alle Alterungs- beziehungsweise Gebrauchsspuren dokumentiert, wobei es herauszufinden gilt, ob diese gewollt sind oder nicht“, so Bartels. „Manchmal will ein Künstler nämlich, dass eine Fotografie gealtert aussieht. Deshalb ist es so wichtig, die Arbeiten am Anfang ganz besonnen zu betrachten, sich richtig einzufühlen und letztlich zu erkennen und zu entscheiden, welche Spuren zu erhalten und welche zu entfernen sind.“

Minutiöse Detailarbeit

In einer nächsten Etappe werden die Oberflächen gereinigt. „Der Schmutz ist nicht nur optisch störend, sondern oft auch chemisch aktiv. Jede Form von Schmutz zieht weiteren Schmutz an und führt zu unerwünschten Veränderungen. Verunreinigung entfernen wir also und schließen die Brüche sowie Knicke, damit keine weiteren Verletzungen entstehen. Das alles erfordert sehr viel Geduld, es ist eine minutiöse Arbeit. Oft sitzen wir wirklich sehr lange an einem Objekt, das hängt immer von vielen verschiedenen Faktoren ab. Die schwierigen Fälle können einen schon mal ein bisschen an den Rand bringen“, schmunzelt sie.

Alle Arbeiten am Objekt werden dann auch wieder schriftlich festgehalten. Diese Dokumentation ist immer einsehbar. „So lässt sich leicht feststellen, ob ein Kratzer vor einer Ausstellung schon da war oder neu ist, was ja versicherungsrelevant ist“, gibt Bartels zu bedenken. „Bei uns geht es eigentlich ähnlich zu wie beim Arzt, der bei Menschen die Gesamtverfassung dokumentiert, um dann immer wieder zu sehen, ob sich der Zustand verändert und gegebenenfalls etwas dagegen zu unternehmen“, sagt Bartels und lacht. Auf die Frage hin, ob sie oder ihre Kolleginnen gelegentlich wegen bestimmter Darstellungen schockiert seien, immerhin zeigt Teutloffs Sammlung den Menschen mit all seinen Schattenseiten und rückt somit auch Tabuthemen ins Zentrum, folgt ebenfalls ein Lachen „Morgens um 9.00 ist es tatsächlich manchmal so, dass man sich freut, wenn man in die Details einsteigen kann und den Gesamteindruck quasi verlässt. Es gibt Sachen, die wirklich nach dem ersten Kaffee noch ein bisschen zu heftig sind“, gibt sie mit einem Augenzwinkern zu.

„Ich glaube den Kunstwerken ist es noch nie so gut gegangen wie hier“, stellt am Ende die langjährige Kuratorin der „Teutloff Collections“, Sabine Weichel-Kickert, zufrieden fest. Für sie endet mit der Überführung der Sammlung ins Archiv des CNA ein Kapitel, das am 11. November 1992 seinen Anfang fand, als sie Lutz Teutloff kennenlernte. In Düdelingen und später in Clerf, wo in einigen Jahren Teile der „The Contemporary Family of Man“ ausgestellt werden, wird nun ein neues Kapitel geschrieben.

Lesen Sie dazu auch noch einmal den Bericht über die Vorstellung des Projekts am vergangenen Donnerstag: www.tinyurl.com/Teutloff-CNA