LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Das Streben nach Struktur und Ziel

Bald ist Weihnachten. Das verkündet meine Mutter schon seit Anfang Frühjahr. Und seit Januar erzählt sie jedem: „Meine Tochter wird bald 24“. Bald, das waren ganze zehn Monate. Fast ein ganzes Jahr. In dieser Zeit hätte ich eine ganze Schwangerschaft durchmachen und ein Kind gebären können. Ja, bald: die Kennzeichnung einer stark unterschätzten Zeitspanne zwischen dem Jetzt und dem künftigen Ziel; das Zunichtemachen von allem, was dazwischenliegt.

Vorbild Supermarktsortiment

Diese Denkweise wird uns überall vorgelebt: auf Werbeplakaten, in TV-Spots, im Supermarkt. Schon Ende September werden die ersten Mandarinen und Christstollen angepriesen und verkauft. Ich bin ja zu der Zeit noch nicht ganz in der Stimmung dafür, das ist aber völlig irrelevant. Die Mandarinen liegen nicht in den Regalen, weil ich in der Stimmung dazu bin, die Mandarinen sollen mich überhaupt erst in die Stimmung bringen. Es ist sozusagen die kopernikanische Wende im Konsum eingetreten: Das anthropozentrische Kaufverhalten wurde durch ein produktzentriertes ersetzt; das Sortiment bestimmt meinen Willen und mein Zeitgefühl.

Der Supermarkt kennt genau vier Saisons: Karneval, Ostern, Halloween und Weihnachten. Dazwischen oder jenseits davon gibt es nichts. Es gibt kein Supermarkt, in dem gleichzeitig Nicht-Karneval, Nicht-Ostern, Nicht-Halloween und Nicht-Weihnachten ist und in dem sich ein Mensch bewegt, der gleichzeitig Nicht-Kind, Nicht-Teenager, Nicht-Erwachsener und Nicht-Senior ist. Nicht einmal denken und vorstellen ließe sich so etwas. Nur durch arbiträre Einteilung auf Makro- und Mikroebene wird die Welt für uns greifbar und verständlich.

Einzelne Phasen statt Kontinuum

Wir tun es alle. Wir strukturieren unseren Alltag, unsere Woche, unser Jahr, unser ganzes Leben, in dem wir es in einzelne künstliche Abschnitte aufgliedern, es geradezu zerstückeln. Wir stoßen die spitzen Pfosten unserer selbst gesteckten Ziele hinein und sind so sehr damit beschäftigt, dass wir die restliche Zeit als selbstverständlich betrachten und sie gar nicht wertschätzen. Problematisch werden diese Denkstrukturen also dann, wenn sich ihre feinen Verästelungen wie Pulsadern in unsere Wertvorstellungen hineinwachsen und wir nur den Zielen und Einschnitten Bedeutung beimessen.

Während der Arbeitswoche, dem unvermeidbaren Übel, leben wir auf das Wochenende hin, innerhalb des Jahres auf wenige, bedeutungsträchtige Ereignisse wie Ostern, Weihnachten, den eigenen Geburtstag und Silvester. Das Leben besteht aus Sprüngen. Einem Sprung vom Kind zum Erwachsenen, von der Volljährigkeit zur ersten Arbeitsstelle, der ersten eigenen Wohnung, dem ersten Kind. Von dort aus hopsen wir auf die Rente zu.

Das Ziel: Möglichst früh ankommen und viel Lebenszeit überspringen, die für uns nur ein Lückenfüller ist. 

Der Weg ist nicht das Ziel

Die Analogie zur Autofahrt dient der Veranschaulichung. Wir setzen uns ins Auto, um irgendwo anzukommen. Beispielsweise an der Tankstelle und anschließend bei unserem besten Freund. Wenn wir aussteigen und an seiner Tür klingeln, dann können wir uns vielleicht erinnern, wie wir ins Auto eingestiegen sind und auch daran, an der Tankstelle gewesen zu sein. Die Fahrt selbst hingegen haben wir nur noch vage im Kopf. Schnell sind die Häuser und Bäume an uns vorbeigezogen. Und das war uns auch egal, weil wir uns um die einzelne Wolke, die einzelne Kuh auf der Weide nicht scherten, weil wir es uns nicht explizit zum Ziel gemacht hatten, sie anzusehen. Manchmal sind es kleine Dinge, an die wir uns im Nachhinein besonders gut erinnern können. Aber meist sind es nur die Ereignisse, die symbolisch das Ende eines Abschnittes und den Anfang eines anderen markieren.

So ergeht es uns immer, wie bei der Autofahrt. Wir lesen Texte, um sie gelesen zu haben, studieren, um ein Diplom zu erhalten, sehen uns einen Film an, um zu entspannen, machen Sport, um gesund zu bleiben. Alles tun wir aus einem Grund heraus; tun es, um es getan zu haben. Uns selbst messen wir daran, ob wir es schon erledigen konnten.

Kein Schweizer Käse-Leben

Ich möchte die kleinen, scheinbar bedeutungslosen Augenblicke wieder aufmerksamer erleben. Ich möchte bewusster im Moment ruhen, ihn um seiner selbst wegen wertschätzen. Ich bin es satt, meine Zeit durch Warterei zu vergeuden. Denn warten tun wir immer und überall, auf den Bus, auf Silvester, auf die Rente. Mit einem gedankenverlorenen Blick aufs Handy und der Ungeduld im Herzen angesichts dessen, was kommt.

Ich finde, so etwas wie Warten dürfte es nicht geben. Ich habe für mich beschlossen, von jetzt an alle kleinen Lücken, die ich vorher wie Löcher im Schweizer Käse aus meinem Leben gebissen habe, sinnvoll zu nutzen und auszufüllen, damit sie ihre Stellung als Überbrückungsmoment verlieren und zu einem eigenständigen, bedeutungsträchtigen, bewusst erlebten und erinnerungswürdigen Ereignis werden.

Ich glaube, es könnte uns zu sehr viel Zufriedenheit verhelfen, unterließen wir die lästige Frage nach dem „Wozu“ und widmeten uns wieder vermehrt Beschäftigungen ohne außerhalb ihrer selbst liegende Sinngebung. Dinge, die vielleicht völlig sinn- und zwecklos sind, und doch Freude bereiten. Ich plädiere, in dieser Hinsicht, für weniger zwanghafte Zielgerichtetheit und arbiträre Struktur. Eigentlich wäre das ein guter früher Vorsatz für 2019…