LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Pater Anselm Grün redet Managern und Führungskräften ins Gewissen

Da steht er mit vor der Brust gefalteten Händen, lächelt in seinen grauen Bart und spricht ein paar Worte zu den rund 30 Kursteilnehmern im Saal, die direkt ins Thema einführen. „In der ZEIT stand ein Artikel, in dem Chefs als emotionale Krüppel geschildert wurden. Das ist natürlich ein Problem“, sagt Pater Anselm Grün. Ein paar Lacher sind ihm sicher. „Die Frage ist doch: Wie gelingt es uns, diese Rolle mit Leben zu erfüllen?“, fragt der Benediktinermönch. Wenn sein Mund nicht lächelt, tun es seine Augen.

Ja, deswegen sind sie hier, die Teilnehmer, die an diesem Montagnachmittag ins Trifolion nach Echternach gekommen sind, um bei Pater Anselm Grün ein Führungskräfteseminar zu machen. „Menschen führen - Leben wecken“, heißt die Veranstaltung. Im Ankündigungstext steht: „Führen heißt nicht, andere klein zu machen, um an die eigene Größe glauben zu können, sondern führen heißt, dem Leben dienen, Leben hervorzulocken in den Menschen.“ Das dreistündige Seminar in Kooperation mit der „Luxembourg School of Religion and Society“ und ErwuesseBildung Luxembourg kostet 400 Euro inklusive Kaffee. Das geht angesichts des Bekanntheitsgrades von Grün.

Der 75-Jährige hat immerhin über 300 Bücher geschrieben, die in 30 Sprachen übersetzt wurden. Er redet den Bossen von Daimler ebenso ins Gewissen wie Mittelständlern oder Politikern. Rund 200 Vorträge hält er im Jahr. Grün ist eine Marke, die für religiös inspirierte Philosophie ebenso steht wie für Unternehmertum. Der Mann hat neben Theologie und Philosophie auch Betriebswirtschaft studiert und im Alter von 32 Jahren die Leitung einer Abtei mit 20 Betrieben und 300 Mönchen übernommen, die er 36 Jahre lang geführt hat. Er weiß also, wovon er spricht.

Hotelchef stellt alles um

Grün erzählt von Bodo Janssen, der die familieneigene Hotelkette Upstalsboom leitet. Bei einer Umfrage 2010 kam heraus, dass ihn alle Mitarbeiter hassen. „Der hat alles umgekrempelt“, sagt Grün. „Es war eine breite Bewegung, bei der die Mitarbeiter gespürt haben, wir können nicht bei den Zahlen bleiben.“ Janssen hatte damals ein dreitägiges Seminar bei Grün in der Benediktinerabtei gemacht. Dann stellte er um. „Die Zufriedenheit ist seit damals um mehr als 80 Prozent gestiegen, die Mitarbeiter sind deutlich seltener krank, wir bekommen fünfmal so viele Bewerbungen und haben den Umsatz mehr als verdoppelt“, erzählt Janssen in einem Interview sechs Jahre später. „Sie können sich das auf Youtube ansehen“, erläutert Grün. Janssen ist ein Vorzeigefall, einer der ihm zugehört hat.

Der Mönch ist nicht besonders groß. Er trägt eine schlichte brauen Kutte und bequeme, schwarze Lederlatschen. Hin und wieder nimmt er die gefalteten Hände auseinander und macht sparsame Gesten. In seinem Vortrag liegt Ruhe und auch Routine. „Wenn man nicht bei den Zahlen bleiben will, dann ist die christliche Antwort Veränderung“, sagt er. Aber bitte nicht so wie ei der Deutschen Bank. „Dort ist es die laufende Veränderung. Doch wer ohne Ziel ändert, der macht die Leute unzufrieden. Es bedeutet nicht, stehen zu bleiben. Aber bevor ich eine Firma wandele, muss ich die Menschen selbst wandeln“, doziert Grün.

Dann kommt er auf die Rolle des Cellerars zu sprechen. Dazu hat er im Lukas-Evangelium Textstellen gefunden, die sehr plausibel klingen. „Eine Führungsaufgabe ist gut, um sich kennen zu lernen“, sagt der Kursleiter. A propos Vertrauen: „Ich habe Seminare bei Daimler, BMW und Audi gehalten. VW hat mich nie eingeladen. Dort herrscht ein Klima der Angst“, sagt Grün. Auch solle eine Führungskraft unaufgeregt, vulgo nicht hektisch sein. Und auch nicht verletzend. „Man muss sich mit seinen Schwächen aussöhnen. Sonst verletzt man sich und andere“, ist er sich sicher. „Auch viel zu arbeiten ist eine Form der Selbstverletzung.“ Er warnt auch vor einer Opferrolle. „Davon geht negative Energie aus. Diese Viktimisierung ist in den USA quasi zur Seuche geworden.“ Und: „Wer Opfer bleibt, wird zum Täter.“

Immer wieder streut der Pater Anekdoten aus dem Arbeitsalltag ein. Von dem tüchtigen Abteilungsleiter, der Mitarbeiter zum Weinen brachte und schließlich abgesetzt wurde. Von nörgelnden Hotelgästen, die dem Personal drohen, bis sie an einer Führungskraft scheitern, die sich hinter das Personal stellt.

„Bei Führungsaufgaben lernt man die eigenen Grenzen kennen“, sagt er. „Wer bereit ist, in den Spiegel zu schauen, der reift als Führungskraft. Aber mit Mitarbeitern ist es wie mit Kindern. Sie decken die eigenen Schattenseiten auf.“

Auch gängige Ideen greift Grün auf. „Viele sagen: Werte sind nett. Aber die Zahlen müssen stimmen. Doch das ist eine Zeitfrage. Das sieht man bei VW. Wo Menschen verachtet werden, will auf Dauer keiner arbeiten.“ Politisch zieht er den Vergleich zu den USA und Trumps America-First-Politik, die nur das Handelsbilanzdefizit vergrößert habe.

Dann ist Zeit für eine Fragestunde, die erste von zweien. Was er von Darwin hält? „Das Gehirn ist da am meisten entwickelt, wo Verbundenheit herrscht. Nicht der Fitteste setzt sich durch, sondern Wesen, die in Beziehung zueinander stehen“, antwortet Grün. Oft sind seine Antworten ein Betrachten beider Seiten. Ist Autorität schlecht? „Wir hatten einen Lehrer, der hat sie einfach ausgestrahlt. Aber sie kann auch negativ sein, es geht um den richtigen Umgang“, lautet eine seiner typischen Antworten. Hat er wirklich einen Einfluss auf Konzerne wie Daimler? „Bei Daimler war Schrempp ein Beispiel schlechter Führung. Manager haben Weinflaschen geklaut, Reifen runtergefahren und es gab keine Kontakte zu Mitarbeitern. Zetsche hat versucht, einen anderen Stil reinzubringen“, antwortet Grün. „Bei BMW haben in der Krise alle zehn Prozent weniger bekommen, auch die Führungskräfte.“

Auf die Frage, ob jeder für eine Führungsaufgabe in Frage kommt, antwortet Grün: „Es gibt fachlich gute Leute, die das nicht können. Aber oft wächst man darein. Man muss als Person schauen: Wo bin ich stark, wo nicht? Es gibt nicht die ideale Person. Man muss an sich arbeiten.“ Grün rät, in Vorstellungsgesprächen ruhig nach den Lebensträumen zu fragen. Und er geht auf die Sprache ein, die in vielen Unternehmen militärisch und aggressiv sei. „Das merkt man schon daran, wenn man fragt, mit welchem Bild jemand seine Arbeit beschreibt. Wer ‚den Karren aus dem Dreck ziehen‘ antwortet, hat kein positives Bild“, sagt er. Doch das Ziel sei der Einklang der Bilder. Der 1945 geborene Seminarleiter erzählt, wie er in der Nachkriegszeit im zerbombten Deutschland davon geträumt hatte, Maurer zu werden. „Jetzt will ich durch meine Bücher oder Vorträge etwas schaffen, wo Menschen sich zu Hause fühlen.“