LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

Historiker Yves Steichen über Kultregisseur Stanley Kubrick

Wer ist eigentlich dieser Stanley Kubrick, der in fünfzig Jahren lediglich ein gutes Dutzend Spielfilme realisiert hat, von denen aber dennoch die meisten einen Platz in der Filmgeschichte bekommen haben? Auf jeden Fall ein absoluter Perfektionist, der nur einen Film drehte, wenn er auf einen Stoff stieß - z.B. aus der Literatur -, der ihn auch wirklich interessierte. Diese Aussage des luxemburgischen Historikers und Autors Yves Steichen teilen vermutlich die allermeisten, die sich schon eingehender mit dem Schaffen des Filmemachers beschäftigt haben.

Der Kubricksche Perfektionismus spiegelt sich in den Werken auch wider, da sich die Filme durch eine immense Detailverliebtheit, eine Vielschichtigkeit und einen Realismus auszeichnen. Alle Kubrick-Filme hätten eine große Plausibilität, unterstreicht Steichen. Der Regisseur war u.a. auch berühmt berüchtigt für seine akribische Recherchearbeit, die sich oft über Jahre hinweg zog. Wenn man sich derart in die Recherchearbeit hinein kniet, wie es Kubrick getan hat, ist es völlig verständlich, dass man nicht jedes Jahr einen Film dreht, lautet Steichens plausible Erklärung, wieso der Regisseur nur alle paar Jahre ein neues Projekt in Angriff genommen hat. Darüber hinaus, bemerkt der Historiker, sei man einfach nur geschlaucht, wenn man, wie Kubrick manche Szenen vierzig Mal oder mehr drehen ließ, so dass er nach Drehende zuerst einmal habe pausieren müssen, um Kraft zu tanken.

Zeitlose Botschaften

Dass Stanley Kubricks Arbeiten auch heute bei einem breiten Publikum beliebt sind, führt Yves Steichen darauf zurück, dass die Filme ziemlich gut gealtert sind und oftmals eine zeitlose Botschaft übermitteln. Stanley Kubrick ist nämlich auch heute noch einem Publikum ein Begriff, das sich nicht unbedingt als kinobegeistert bezeichnen würde.

Die unzähligen Skandale, die viele Kubrick-Filme provozierten, hätten selbstverständlich auch ihren Teil dazu bei getragen, dass die breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam wurde, erklärt Yves Steichen. Man denke nur an die Gewaltdarstellung in „A Clockwork Orange“, die zum Inhalt heftig geführter öffentlicher Diskussionen wurde oder die Tatsache, dass Stanley Kubrick mit „Dr. Strangelove“ eine schwarze Komödie über die allgegenwärtige nukleare Bedrohung inmitten des Kalten Krieges ablieferte.

Breites Publikum ansprechen

Es gebe einige wenige Regisseure, deren Filme keineswegs leichte Kost seien und die es dennoch schaffen würden, ein breites Publikum für ihre Werke zu interessieren. Kubrick sei einer von ihnen, erklärt Steichen. Es sei unbestritten, dass Kubrick seiner Zeit technisch und auch thematisch immer voraus gewesen sei, unterstreicht Steichen weiter. In sein 1968er Meisterwerk „2001 - A Space Odyssey“ lässt er etwa wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen. Etwas, das damals im Science-Fiction-Genre eher Seltenheitswert hatte und Kubrick ermöglichte, sich deutlich von den trashigen Science-Fiction-Streifen der 50er Jahre ab zu heben. Des Weiteren werden in diesem Werk existentialistisch-philosophische Fragen aufgeworfen; kurzum, es handelt sich um einen der ersten ernsthaften Science-Fiction-Streifen.

Auch die Frage, wer oder was schlussendlich den Menschen lenke, kehre häufig in seinen Filmen zurück, so Yves Steichen. In „Full Metal Jacket“ ist es der Drill Instructor, in „Shining“ der Wahnsinn, der die Kontrolle über den Protagonisten übernimmt.