PATRICK WELTER

Seit dem 7. Januar, heute vor vier Wochen, schwankt die Welt und insbesondere die Medien zwischen den Polen des „Wir müssen uns zurücknehmen“ und dem trotzigen „Jetzt erst Recht“. Obwohl man sich die Frage eigentlich nicht stellen muss, denn vor Irren kann man sich nicht zurücknehmen. Der religiöse Fanatiker hält fest für wahr, so lautet die Definition von „glauben“, dass er im Besitz der allein selig machenden Wahrheit ist. Und zwar jeder religiöse Fanatiker. Gegenüber dieser Art von Wahnsinn bedeutet „sich zurücknehmen“, den Suizid auf Raten. Über das, was wir schreiben oder zeichnen, haben nicht fanatischen Fans des Schreiners aus Nazareth und des Kaufmanns aus Mekka zu entscheiden.

Um so erschreckender war es, dass nach dem Charlie Hebdo Attentat ausgerechnet die renommierte „New York Times“ wie ein neurotischer Chihuahua den Schwanz einzog. Zunächst druckte man die Mohammed-Karikaturen nicht nach und teilte dann per Editorial mit, dass man bei zukünftigen Veröffentlichungen über umstrittene Themen mehr auf „Sicherheit“ achten werde. Sorry, aber dann kann man das Zeitungsmachen ganz lassen.

Es mag ein ziemlich weiter Bogen von der „New York Times“ zum Kölner Karneval sein, aber er ist leider schlüssig. Der Kölner Rosenmontagszug war in der alten Bundesrepublik, einmal liebevoll als Trizonesien beschrieben, eine nationale Institution. Ein Volksfest ist er heute noch. Da war es schon ein Statement, dass in den Tagen nach dem 7. Januar ein „Charlie Hebdo“-Wagen in das Zugprogramm aufgenommen wurde. Die Darstellung war eher harmlos: Ein Zeichner steckt seinen Stift in den Lauf einer Maschinenpistole, mit der ihn ein Terrorist bedroht. Der Stift erweist sich als stärker. Eine klare Botschaft, für jeden Trottel zu verstehen. Das war wahrscheinlich auch das Problem, denn in der letzten Woche machte das Kölner Festkomitee einen Rückzieher wegen „Stimmen besorgter Bürger“. In beiden Fällen muss man das hässliche Wort Feigheit in den Mund nehmen. Die Zeitung mit dem Weltruf und der satirische Volksbrauch versagen gleichermaßen. Die Presse soll über die Wahrheit informieren. Sicherlich nicht um jeden Preis. Kein vernünftiger Chefredakteur schickt Mitarbeiter ins Kalifat. Aber im eigenen Land vor der Stimmungsmache von fanatischen Klerikern einzuknicken ist eine Schande.

Der Karneval war ursprünglich ein ausgelassenes Fest, mit dem Mutter Kirche den angestauten Druck aus dem Kessel lies. Das änderte sich im Rheinland mit der preußischen Besatzung nach 1815 - plötzlich waren die neuen Herren, mit ihrem Uniformfetischismus und ihrer militärischen Strenge, das Ziel des Karnevalsspott. Politik und Satire zogen in die Karnevalszüge ein. Oft derb, oft geschmacklos, immer ehrlich. Die Kölner haben kein Problem damit, Merkel mit nackten Hintern darzustellen, aber vor dem Bild eines Männchen, der mit einem Bleistift einen blöden Dschihadisten im Zaum hält, kneifen sie?

Hey ihr Jecken, erstens haben wir ein Recht auf freie Meinungsäußerung und zweitens darf Satire, wie schon Ignaz Wrobel und Peter Panther sagten: „Alles“! - auch im Karneval.

Kommentare