LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Warum gesund zu leben so schwierig ist

Es ist ganz erstaunlich, wie abträglich das Schreiben dieses Artikels meiner Gesundheit ist. Ich muss sehr intensiv über etwas nachdenken, das mich in Rage versetzt und meinen Puls in die Höhe treibt. Ich nehme eine ungesunde Haltung ein, indem ich den Kopf nach vorne beuge wie eine Giraffe, nur, dass mein Nacken nicht so lang ist und erheblich darunter leidet. Mein Kreislauf kommt überhaupt nicht in Schwung, ich vergesse zu essen und zu trinken, die Luft in meinem Arbeitszimmer riecht verbraucht, WLAN-Strahlen durchdringen meinen Körper und ich sitze wie ein lichtscheuer Vampir ohne sozialen Kontakte hinter abdunkelnden Jalousien.

Sackgasse Kontradiktion

Was ich damit eigentlich zum Ausdruck bringen möchte, ist die ernüchternde Feststellung, dass ein ganz und gar gesunder Lebensstil unmöglich erscheint. Zumindest, wenn man den vielen Artikeln Glauben schenken darf, die in Zahnpasta, Putzmitteln und Leitungswasser reines Gift vermuten. Wären sie auch nur im Ansatz wahr, so würden jede Substanz und jede Aktivität der Gesundheit schaden, selbst dann, wenn sie ihr daneben auch etwas Gutes täten.

So mag ein Sonnenbad wichtig sein für die körpereigene Vitamin-D Bildung, für die Haut allerdings ist es ganz und gar nicht gut, wenn sie schutzlos der Sonne ausgesetzt wird. Um ein bisschen Bewegung zu haben, ist der Gang ins Fitnessstudio zu empfehlen, nicht jedoch, wenn die Übungen dabei falsch ausgeführt werden. Wer Fisch isst, riskiert, Mikroplastik, Quecksilber, Pflanzenschutzmittel oder andere Schadstoffe aus dem Meer mit der Nahrung aufzunehmen. Wer auf Fisch verzichtet, der verzichtet damit allerdings auch auf lebenswichtige Omega-3-Fettsäuren.

Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Wer sich gesund ernähren und überhaupt gesund leben möchte, wird unweigerlich mit ambivalenten Wirkungen konfrontiert sein.

Halbwissen und Wunderpillen

Wer sich in den Medien informieren möchte, gerät in den Dschungel nicht zu überblickender, kontradiktorischer Ratschläge und greift dort nach grünen Zweigen, die sich als Schimären entpuppen. Entweder wird übertriebene Panik verbreitet oder Warnungen werden auf naive Weise ins Lächerliche gezogen und alles als vollkommen harmlos deklariert. Was dürfen wir denn nun glauben? Fast unmöglich erscheint es, seriöse und wissenschaftlich fundierte Artikel herauszufiltern aus der großen Masse an Beiträgen, die stereotypes Pseudowissen verbreiten. Viel zu häufig muss man sich mit bloßer, unbegründeter Etikettierung als „gesund“ oder „ungesund“ zufriedengeben.

Hinzu kommt, dass manche Themen wenig bis gar nicht berührt werden. Sachliche Auseinandersetzungen über hormonell wirksame oder tumorfördernde Stoffe in Kosmetika beispielsweise gehen unter, ohne dass sich sagen ließe, ob dies an ihrer Harmlosigkeit liegt oder daran, dass man aufgrund mangelnder Studien allenfalls Halbwissen über sie zusammentragen kann.
Stattdessen fokussieren sich die Verfasser oft auf völlig belanglose Details. Wir wissen dadurch, wie wir uns schonend Ohrenschmalz entfernen, dass man Nasenhaare nicht zupfen sollte und dass Zehennägel einwachsen können, wenn sie zu weit gestutzt werden, und glauben, uns aufgrund dessen eines gesunden Lebensstils rühmen zu können. Wir „influencen“ unser wertvolles Wissen und werden Mitglied eines dubiosen Strukturbetriebs, der kuriose Wunderpillen und -shakes anpreist, die den Mangel an stichfesten Orientierungspunkten für ein gesundes Leben kompensieren sollen.

Kein Karma in der Gesundheit

Vor kurzem fiel mir in einer Buchhandlung Rachel Carsons „Der stumme Frühling“ in die Hand, ein 1962 erschienenes Werk, das die negativen Eigenschaften von Pestiziden und Herbiziden beleuchtet. Heute, 2019, wird immer noch versucht, Glyphosat für unbedenklich zu erklären. Bei vielen Dingen mag man mir ja weismachen, dass die Gefahr, der man sich aussetzt, nicht erheblich ist. Nach der Lektüre kann man mir das bei Pflanzenschutzmitteln aber niemand mehr weismachen.

Offenbar haben wir uns dazu entschieden, in diesem und anderen Fällen andere Interessen über unsere Gesundheit zu stellen. Doch sollte Gesundheit nicht unsere oberste Priorität sein? Ist sie nicht das Wichtigste überhaupt?

Neben der Tatsache, dass wir nicht ausreichend informiert sind, bringt die Vorstellung eines absoluten gesunden Lebensstils, wenn er denn möglich wäre, einige Probleme mit sich. So könnte dieses Szenario den Fortschritt in der Medizin fördern, aber in anderen Bereichen ausbremsen. Wir könnten unsere Freiheiten einschränken – und diese sind uns bekanntlich heilig, selbst, wenn es nur um Kleinigkeiten wie Naschereien, Alkohol und Zigaretten geht. Aber wahrscheinlich wäre der Verzicht, den wir üben müssten, wenn wir jegliches Gesundheitsrisiko umgehen wollen würden, sogar noch sehr viel weitreichender und würde beinahe alle Bereiche des Lebens betreffen. Das widerspräche aber unserer Idee von Komfort und Genuss – Dingen, die wir nicht missen wollen, zumal uns niemand garantieren kann, dass eine gesunde Lebensweise auch wirklich Gesundheit mit sich bringt. Gesundheit ist keine Prüfung, bei der gut abschneidet, wer fleißig gelernt hat. Es ist ein Pokerspiel, bei dem Glück und Gene die absolute Kontrolle vereiteln.

Und warum minimieren wir nicht zumindest das Risiko bei dem Teil, den wir selbst in der Hand haben? Vielleicht, weil sich, wer ständig an seine Gesundheit denkt, am Ende selbst krank macht.