PATRICK WELTER

Es ist der Grundfehler aller nationalistischen Parteien, dass sie die Welt in „wir“ und „die da“ unterteilen. Wir sind gut, alle anderen sind schlecht. Die polnische PiS-Regierung ist ein besonders übler Wiedergänger dieser Spezies. Polen hat im Zweiten Weltkrieg unsäglich gelitten, doch im 21. Jahrhundert daraus eine Staatsdoktrin zu machen ist lächerlich. Per Gesetz gab es keine Mittäterschaft Polens oder gar eines einzigen Polen am Holocaust. Nach Protesten, insbesondere aus Israel und von den letzten Überlebenden, hat man das Ganze etwas abgeschwächt - was hat es genutzt? Nichts. Der vom israelischen Premier Netanjahu so sehnlichst erwartete Gipfel mit den Visegrad-Staaten ist geplatzt. Er sollte ein Gegenwicht zu den „Westeuropäern“ mit ihrer (zu) pro-palästinensischen Haltung darstellen.

Polen will nicht mehr, denn der amtierende israelische Außenminister konnte sich eine Bemerkung über die polnische „Unschuld“ und den latenten Antisemitismus Polens nicht verkneifen. Prompt ist man in Warschau auf die Palme gestiegen und hat getobt. Keine Reise nach Jerusalem. Jetzt gibt es Einzelgespräche zwischen Netanjahu und den Regierungschefs der Slowakei, Tschechiens und Ungarns. Der Treppenwitz liegt darin, dass sich mit Netanjahu und der Kaczynski-Regierung ausgerechnet die treuesten Trump-Anhänger auf dieser Seite des Atlantiks an den Hals gehen. Folgt man der Kaczynski-Logik, sind alle Deutschen Mörder, alle Russen Frauenschänder, alle Niederländer Kollaborateure und die Franzosen Fähnchen im Wind - von „Vichy“ zu „De Gaulle“… Es gibt immer und überall (mehr) Profiteure, Mitläufer und einige die Widerstand leisten. In jeder Nation. Manchmal haben die schöneren Möbel der jüdischen Nachbarn ausgereicht, nach der Gestapo oder der Miliz zu rufen, und mancher, der selbst kaum durchkam, hat Juden oder Widerstandskämpfer versteckt. Überall - vom Atlantik bis zur Krim - gab es Zeichen der Menschlichkeit in einem Meer von Schändlichkeit. Im Baltikum oder der Ukraine mussten die Deutschen die Juden nur für vogelfrei erklären, der Rest „erledigte“ sich von selber. Klingt zynisch, aber solche Situationen bringen das Schlechteste oder das Beste aus einem Menschen hervor. Anne Frank - verraten. Jean Moulin - verraten. Die Geschwister Scholl - verraten. Die pure Geldgier reichte: Julius Leber (SPD) , von den Verschwörern des 20. Juli 1944 als Reichspräsident vorgesehen, konnte der Verhaftung entkommen, wurde dann aber von einer „Bürgerin“ verraten. Ihr Antrieb?

Das ausgesetzte Kopfgeld. Marcel Reich-Ranicki überlebte bei einem polnischen Bauern die Nazis und floh nach dem Krieg vor anti-semitischer Verfolgung aus dem kommunistischen Polen. Noch in den 1960ern wurden Juden aus Polen ausgebürgert. Dennoch: Es gibt keine ausschließlichen „Täter-Nationen“, und keine ausschließlichen „Helden-Nationen“ (wenn überhaupt, dann die Dänen, die ihre jüdische Bevölkerung retteten). Kaczynski baut seine Politik des 21. Jahrhunderts auf dem Verrat des 20. Jahrhundert an Polen auf: Von den Deutschen überrannt, von den Westalliierten im Stich gelassen, von der Sowjetunion besetzt, von den Deutschen zum Schauplatz des Holocaust gemacht, dann von den Westmächten ganz den Sowjets überlassen. Bis 1989. Das entschuldigt nicht die Haltung „Wir“ gegen die „die da“.