SVEN WOHL

Der rechtsterroristische Angriff in Halle liegt zehn Tage hinter uns. Seitdem haben Politik wie Medien erneut erkannt, dass Rassismus immer noch da ist, eine Radikalisierung im Netz stattfindet und junge weiße Männer dafür anfälliger sind, als andere. Ich schreibe „erneut“, weil es stets bei der bloßen Feststellung bleibt. Es ist der „Groundhog Day“ rechtsradikaler Gewalttaten: Es passiert, man sucht die Gründe und vergisst, Konsequenzen zu ziehen.

„Es passiert“ ist eine saloppere Formulierung, die bewusst gewählt wurde. Junge weiße Männer werden nicht einfach so radikalisiert. Aktuell wird viel Augenmerk auf die Gaming-Szene gerichtet - fast so als sei es der alleinige Quelle aktuellen Nazigedankentums. Subkulturen wurden stets von den Nazis, den Rechtsradikalen und Neurechten oder Alt-Rights genutzt, um Nachwuchs zu finden. Denn desto abgekapselter eine Sub-Kultur, desto anfälliger ist sie.

„Gamer“ in Deutschland fühlten sich eh immer am Rande der Gesellschaft. Dafür hat die vehemente Zensurpolitik und die „Killerspiel“-Scheindebatte gesorgt. Junge weiße Männer mit einem primär digitalen Hobby, die sich in abgelegenen, kaum kontrollierten Communities und Netzwerken untereinander austauschen und allergisch auf jede Form der Kritik sowie Feminismus reagieren? Ein gefundenes Fressen für die Nazis.

Wir haben all dies bereits beobachten können. Als sich die „Gamergate“-Bewegung mit seinen antifeministischen, frauenfeindlichen Gedanken in Richtung Mainstream bewegte, war es ein gewisser Steve Bannon, der seinem Tech-Schreiberling bei Breitbart zur Aufgabe machte, diese Reaktionäre zu bezirzen und zu rekrutieren. „Gamergate“ war Teil einer Kettenreaktion, die bis heute ihre Fortsetzung kennt und emblematisch für den breiteten Kulturkampf steht, der nun omnipräsent ist. Welche Rolle 4chan, 8chan, Discord-Server, Twitch und Subreddits wie auch Facebook-Communities spielen, sollte nicht außer Acht gelassen werden. Das gestaltet sich für den „Offline“-Menschen schwierig, denn allein die Begrifflichkeiten machen es schwierig, hierüber zu reden. Marina Weisband regt sich nicht umsonst darüber auf, keine Diskussion über Rechtsradikale im Netz führen zu können, weil niemand in der Runde weiß, was ein „Meme“ ist.

Dass es stets mit Worten beginnt, weiß mittlerweile Pewdiepie, weltbekannter Youtuber, der eigentlich nur online Videospiele spielen wollte und sich dabei filmte. Nun muss er sich hinterfragen, etwa weil der Christchurch-Terrorist vor seinem Massaker dazu aufruft, ihn zu abonnieren. Ist Pewdiepie rechtsradikal? Laut einem „New York Times“-Interview glaubt er an keine politische Richtung. Womit auch er ein gefundenes Fressen für Nazis ist. Sein politisches Ungeschick lässt genug Deutungsspielraum, um ihn instrumentalisieren zu können.

Keinen Deutungspielraum lässt die Parole „Nazis raus!“ zu. Zahlreiche Subkulturen bedienen sich solcher Haltungen, um eine Unterwanderung zu unterbinden. Die Gaming-Gemeinde, die diverser ist als viele annehmen, wird reagieren. Die Gesellschaft sollte sich dem anschließen.