COLMAR-BERGCORDELIA CHATON

Wingka Yuen lernte als Praktikantin, wie man Einstellungsgespräche führt

Wingka Yuen ist zufrieden. Seit Ende August ist ihr Praktikum in der Personalabteilung bei Goodyear beendet. „In meiner Ausbildung zum Master gehören Praktika zum Lehrplan“, berichtet die 24-Jährige. Yuen spezialisierte sich an der „BBI - Higher Education in International Hospitality & Tourism Management“ in Wiltz, die nach den Vorgaben des US-Systems arbeitet, im Bereich Personalmanagement. Nach einer Basisausbildung in der Hotelschule zieht es sie im letzten Teil der Ausbildung stark in diese Richtung.

Praktika haben für Studenten viele Vorteile. Sie lernen die Arbeitswelt kennen, können in der Praxis besser beurteilen, was ihnen gefällt und was nicht, und die erlernte Theorie in die Praxis umsetzen. Gleichzeitig können sie Kontakte knüpfen, die für ein weiteres Praktikum oder eine Anstellung interessant sind. Vielen wird klar, welche Stärken oder auch Schwächen sie haben. Jeder aber profitiert für den Lebenslauf davon, denn praktische Erfahrung ist immer gern gesehen. Nicht zuletzt ist es auch finanziell oft interessant. Wir stellen hier in einer kleinen Folge drei Praktikanten vor, die beim Reifenhersteller Goodyear praktische Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Abteilungen gesammelt haben.

Yuen hatte schon praktische Erfahrung. „Im ersten Jahr war ich drei Monate an einer Rezeption, im zweiten Jahr habe ich in einem Restaurant gearbeitet. Das dritte Jahr ist für Events vorgesehen. Diese Pflichtpraktika von drei Monaten sind obligatorisch. Dazu kommt noch ein einjähriges Praktikum, das in zwei Mal sechs Monaten abgeleistet werden kann“, erklärt die Luxemburgerin. „Das habe ich bei Goodyear gemacht.“

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Gefunden hat sie die Möglichkeit im Internet. „Ich habe eine Mail verschickt und sehr schnell, nämlich schon eine Woche später, Antwort erhalten. Dann folgten ein telefonisches Interview und anschließend ein persönliches Gespräch. Drei Wochen später hatte ich die Zusage“, freut sie sich. Bei Goodyear war Yuen verantwortlich für das „summer recrutement“, bei dem Mitarbeiter aus dem Produktionsbereich ersetzt werden, die sich im Urlaub befinden oder wegen einer Schwangerschaft ausfallen. „Je nachdem, was anlag, habe ich mit den Kandidaten Tests zum logischen Denken durchgeführt, Lebensläufe angesehen oder Einstellungsgespräche geführt“, berichtet sie.

Die Entscheidung wurde dann gemeinsam im Team gefällt. „Das war nicht immer einfach“, erinnert sie sich. Und die Arbeitslast auch nicht. In manchen Monaten erhielt Yuen, die Mitte Februar ihr Praktikum antrat, um die 600 Anrufe. Das Thema Sprachen war für einige Kandidaten eine Hürde. „Bei uns ist Sicherheit sehr wichtig. Doch wenn jemand nur Portugiesisch spricht, kann er oder sie nicht an den Sicherheitskursen teilnehmen - doch die sind essentiell“, unterstreicht sie. Auch die Motivation der Kandidaten zähle sehr.

„Es war eine große Herausforderung“, urteilt sie rückblickend. „Ich hatte noch nie Leute eingestellt. Und jetzt habe ich pro Position bis zu 20 Kandidaten gesehen.“ Damit es gut klappt, schaute sie zunächst bei einigen Einstellungsgesprächen zu. „Als meine Tutorin mir zum ersten Mal gesagt hat: ‚Du führst das Gespräch allein‘ war ich schon nervös.“ Gleichzeitig fühlte sich die angehende Personalerin aber auch gut aufgehoben. „Das Team war super!“ Umgekehrt stimmt die Chemie wohl auch, denn Goodyear schlug der Ex-Praktikantin einen befristeten Vertrag vor.

Für Yuen ist das interessant, denn sie will zwar in den Personalbereich, aber nicht unbedingt in die Hotellerie. „Dort sind die Gehälter nicht sehr interessant.“ Der Wunsch, sich auf die Personalabteilung zu konzentrieren bildete sich während ihrer unterschiedlichen Praktika heraus. „Ich habe gern Kontakt mit Menschen und denke, HR passt auch am besten zu meinem Charakter.“ Gleichzeitig hat sie auch gemerkt, dass sie gern noch mehr lernen will, beispielsweise über Arbeitsrecht.

„Das Praktikum verändert auch den Blick auf das eigene Auftreten. Es ist schon interessant, die unterschiedlichen Reaktionen auf die gleichen Fragen zu erleben. Das macht Spaß“, findet sie. Manche Kandidaten konnten gar nicht antworten. „Sie waren so aufgeregt, dass sie kein Wort herausbekamen“, erinnert Yuen sich mitfühlend.

Die Fragen im Vorstellungsgespräch sind ihrer Meinung nach relativ klassisch und absehbar: Welche Plus- und Minuspunkte nimmt ein Kandidat bei sich wahr? Warum möchte jemand zu Goodyear? Was weiß er oder sie über das Unternehmen? „Die meisten Kandidaten waren vorbereitet, aber nicht alle.“ Erstaunlich fand die junge Frau, dass einige jugendliche Kandidaten ihr Mails schicken, als sei sie deren gute Freundin. „Da fehlte jede Distanz, jede Höflichkeit.“

Für Yuen hat das Praktikum den Vorteil, dass „man lernt, wie es wirklich läuft.“ Als Studentin hat sie mehr vom Praktikum profitiert als in der Schule, sagt sie. „Da war ich in der Kindertagesstätte. Damals konnte ich mir vieles vorstellen und wusste nicht so richtig, was ich werden will.“ Immerhin sei es ein sinnvoller Schritt, um die langen Ferien auszufüllen. „Drei Monate sind eindeutig zu lang“, meint die junge Frau heute.

Hat sie selbst ein Ziel? Vielleicht Personal-Chefin? „So weit bin ich noch nicht. Ich will mich entwickeln. Eine gute Position kommt mit der Zeit und der Erfahrung. Es ist besser, gut vorbereitet und qualifiziert zu sein.“ Das Praktikum ist ein Weg dahin. Und für Yuen auch der Einstieg in den ersten Arbeitsvertrag.