LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Blackout“ von Claire Thill entführt in eine prä-apokalyptische Phantasmagorie

Finster. Stockfinster sogar. Dazu zwei Töne, die sich ständig wiederholen. Spannung wird aufgebaut. Das Herz beschleunigt ungewollt seinen Rhythmus. Wer ein allzu schwaches Nervenkostüm hat, ist hier eindeutig falsch, denn „Blackout“, die neue Produktion von „Independant Little Lies“ (ILL), entführt das Publikum in eine prä-apokalyptische Phantasmagorie, der es nicht an Elementen fehlt, wie man sie sonst nur aus Horrorfilmen kennt. „Ich hatte einen Traum, der keiner war. Die Sonne war erloschen“, hört man eine dunkle Männerstimme sagen. Der Einstieg ist stark. Stark, was den düsteren Sound und die nervenaufreibenden Effekte anbelangt, aber ebenso stark auf Textebene.

Angstvolle Hoffnung. Doch die Gebete um Licht bleiben unerhört. Ein letztes Knirschen, und alles war schwarz. Der trübe Himmel wird mit dem Leichentuch einer vergangenen Welt verglichen. Nirgends mehr Liebe. Die ganze Welt nur ein Gedanken: Tod. Der Krieg fraß sich satt und die Masse verhungerte. Zwei in gelbe Regenjacken gehüllte Gestalten, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, tauchen auf. Ihre Stirnlampen blenden das Publikum. Sie flüstern. Sie suchen das Licht. Vergeblich.

Die Macht des Wetters

Dann kippt die Stimmung, in umgekehrte Richtung. TV-Meteorologe Bernhard Bergdahl (Marc Baum) betritt die Bühne - eine Mischung aus Wüstenlandschaft und Fernsehstudio - und bereitet sich auf die Übertragung der Wettervorhersage vor. Die Hitze macht ihm zu schaffen, der Schweiß perlt von seiner Stirn. Ein Ende der Hitzewelle - seit Wochen dauert sie an - ist nicht abzusehen. Ja, in Claire Thills Stück geht es um die Frage, welche Macht das Wetter über die Menschen hat, gleichzeitig aber auch um die mögliche Macht des Menschen über das Wetter.

Das Jahr ohne Sommer

Anspielungen auf das berüchtigte „Jahr ohne Sommer“ fehlen nicht: Große Teile der nördlichen Hemisphäre litten 1816 unter einer ungewöhnlichen Kältewelle und einer erdrückenden Finsternis. Später wurde der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im April 1815 als Ursache für die extremen Wetterbedingungen ausgemacht. Die Folgen waren verheerend: Missernten, Hunger, Krankheiten und soziale Revolten. In der Literatur führte der finstere Sommer indes zur Entstehung von Mary Shelleys „Frankenstein“, John Polidoris „Vampyr“ und Lord Byrons Gedicht „Die Finsternis“. Sie alle hatten die Zeit zusammen in Genf in der Villa Diodati verbracht, die sie wegen des schlechten Wetters kaum verließen und sich eben diese bekannten Gruselgeschichten ausdachten.

Tempobrüche

Der Wetterfrosch stößt bei seinen Analysen auf Unregelmäßigkeiten im Klima, die Böses erahnen lassen. Katharina Wuest (Larisa Faber), Mitarbeiterin der Agentur für meteorologische Sonderfälle, mischt sich ein, spielt die Hitze herunter und spricht von baldiger Erlösung durch Tief „Melancholia“. Das bisweilen leicht überdrehte Spiel dieser beiden Kontrahenten wird kontinuierlich von zwei gleich gekleideten Frauen unterbrochen, die mit ihren kalkweißen Gesichtern und tiefen Schatten unter den Augen immer wieder auftauchen und die herannahende Apokalypse prophezeien. Die ganze Atmosphäre verdüstert sich während ihrer Auftritte. Und obwohl sie mit ihrem Spiel rasche Tempowechsel bewirken, bleiben die Grenzen zwischen Albtraum und Realität fließend.

Ungewöhnliches Theatererlebnis

Musik und Geräusche sind wohl die Seele eines jeden Horror- und Gruselfilms; zweifellos trifft dies auch auf „Blackout“ zu. Die Dramaturgie greift, das Gerüst stimmt. Trotzdem muss man anmerken, dass die Textebene der eigentlichen Handlung zwischendurch etwas zu schwach und schleppend wirkt. Dafür sind aber manche Szenen dank der nervenaufreibenden Soundkulisse und der ungewöhnlichen Lichteffekte, verstärkt noch durch das Spiel mit den Schatten, an Intensität kaum zu übertreffen. Besonders jene Momente, in denen die Elemente aus Horrorfilmen mit den Choreografien der japanischen Butoh-Tänzerin Sayoko Onishi - Butoh ist ein japanischer Ausdruckstanz, der auch noch als Tanz der Finsternis gilt - verbunden werden, dürfen als Höhepunkte dieses zeitweilig sehr körperlichen Stücks gewertet werden. Ein ungewohntes Theatererlebnis ist „Blackout“ zweifelsohne.

Weitere Vorstellungen am 28. Februar und 1. März um 20.00 in der Escher Kulturfabrik sowie am 23. Oktober im „opderschmelz“ in Düdelingen. Infos unter www.ill.lu