LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Kompliment ist nicht gleich Kompliment?

Komplimente sind wahrlich etwas Schönes! Es gibt uns ein gutes Gefühl, zu wissen, dass jemand uns attraktiv findet, unsere Arbeit schätzt oder uns für eine unserer Charaktereigenschaften bewundert. Dennoch können wir uns nicht immer so recht darüber freuen. Warum das so ist, dieser Frage möchte an dieser Stelle nachgehen.

Komplimente annehmen – ein Zeichen von Arroganz?

Schon öfter habe ich mich über mich selbst gewundert, dass mir ein einfaches „Dankeschön“ nicht über die Lippen kam. Stattdessen wehrte ich das mir gegebene Kompliment ab und argumentierte dagegen. Es war, als hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, denn ich bin eine Person, die sich ungern in den Mittelpunkt drängt. Ich möchte bescheiden sein und verurteile ein süffisantes, prahlerisches Auftreten.

Andererseits wirkt es bestimmt nicht höflicher und freundlicher, wenn ich das Kompliment partout nicht akzeptieren möchte. Zudem wird das schnell als falsche Bescheidenheit gedeutet. Ja, wenn wir offen und ehrlich sind, haben wir bestimmt so manches Kompliment nicht verdient. Dennoch macht unser Gegenüber es uns, ihn stört das also nicht. Und vielleicht gehen Selbst- und Fremdeinschätzung ganz einfach auseinander.

Nur bestimmte, aufgrund der Situation als unangemessene Komplimente dürfen natürlich abgewehrt und verurteilt werden. So freut sich Frau vielleicht über Komplimente über den eigenen Hintern in intimen Momenten, aber sicherlich nicht in Anwesenheit Dritter… 

Das Rezept für Glaubwürdigkeit

Ganz entscheidend bei der Frage, wie ein Kompliment aufgefasst wird, ist weiterhin die Absicht, die dahintersteckt. Eigentlich lässt sich das schnell auf den Punkt bringen: Nur ein Kompliment, das um seiner selbst willen geäußert wird, ist ein aufrichtiges. In allen anderen Fällen ist es nur ein Mittel zum Zweck und wäre nicht gemacht worden, wenn es diesen Zweck nicht gäbe. Das wahrhaftige Kompliment, auf das man sich tatsächlich etwas einbilden kann, ist das von Herzen kommende, spontan geäußerte, nicht dasjenige, das auf Biegen und Brechen gesucht wird. Es ist das Kompliment, das völlig unerwartet kommt. Das glaubwürdige Kompliment ist darüber hinaus individuell, persönlich und nicht zu vage gehalten. Nicht umsonst ist das ursprünglich positiv gemeinte Adjektiv „nett“ zu einem Spott- und Schimpfwort degradiert. 

Ja, soviel zum Patentrezept eines glaubwürdigen und gelungenen Kompliments. Doch gibt es nicht auch edle Ziele, die ein Kompliment durchaus legitimieren, beispielsweise, wenn es dazu dienen soll, jemanden zu ermuntern oder dafür zu sorgen, dass er sich besser fühlt? Ist es nicht ungerecht und wenig von Belang, bei jedem Kompliment zu hinterfragen, ob derjenige, der es geäußert hat, es auch schon anderen gemacht hat? Ist es nicht ungerecht, an ein Kompliment überhaupt so hohe Ansprüche zu stellen?

Eine Frage der Auslegung

Ein weiterer Faktor schließlich ist das Verhältnis, in dem man zu einer Person steht. So misst man je nach Situation den Komplimenten der eigenen Verwandten entweder mehr oder weniger Bedeutung bei als denen von Fremden. Sprechen wir jemandem Erkenntnisse, Fähigkeiten und damit Legitimität zur Beurteilung zu, blicken wir bewundernd zu ihm hinauf, wird uns sein Kompliment umso mehr freuen. Außerdem fühlen wir uns geehrt, ein Kompliment von einer Person zu erhalten, die damit eher sparsam umgeht und nicht alles und jeden in höchster Euphorie lobt. Dieser Umstand stellt zwar eine ganz normale Reaktion dar, dennoch frage ich mich, ob ich nicht Unrecht damit tue, wenn ich ein Kompliment für weniger wichtig erachte, weil ich den Urheber in meiner heimlichen Hierarchie weiter unten angesiedelt habe?

Darüber hinaus ist die Beantwortung der Frage, ob etwas ein Kompliment ist oder nicht, Interpretationssache. Was für mich nach ironischer Über- oder Untertreibung klingt, muss vom Komplimentgeber gar nicht so intendiert gewesen sein. Auch kann das Kompliment Elemente enthalten, die je nach Standpunkt und Assoziationen positiv oder negativ gedeutet werden können. So wurde mir vor kurzem gesagt, ich sei eine richtige „Stater Madamm“. Da mir nichts ferner liegen würde, als ein vornehmes Persönchen zu sein, konnte ich die Begeisterung über diese Feststellung nicht ganz teilen. Aber warum sollte ich eingeschnappt sein, wenn ich doch merke, dass der Gegenüber mir damit keineswegs auf die Füße treten wollte und, im Gegensatz zu mir, etwas Positives damit verbindet?

Feingefühl auf beiden Seiten

Dieser Artikel soll darauf hinweisen, dass Komplimente aus unterschiedlichen Gründen nicht immer den Effekt haben, den man gerne damit erzielen möchte, und dass man damit durchaus etwas „falschmachen“ kann. Auf der anderen Seite will ich aufzeigen, wie kompliziert wir doch sind mit all unseren ungeschriebenen Regeln und Konventionen, unseren persönlichen Prinzipien.

Zweifellos könnten wir uns mehr Zeit nehmen, Aussagen auszuformulieren, mehr Feingefühl zeigen und ein wenig mehr Kreativität und Herzblut in unsere Komplimente und unsere Gespräche überhaupt stecken.

Auf der anderen Seite sollten wir nicht ganz so streng sein und hinter jeder lieb gemeinten Geste ein Wenn und Aber suchen. Auch das hat etwas mit gutem Willen und Feingefühl zu tun: Gute Absichten zu erkennen und sie richtig verstehen zu wollen. In Zweifelsfällen können wir immerhin nachfragen, wie etwas gemeint gewesen ist und warum es so geäußert wurde.