LUXEMBURG
NIC. DICKEN

Deutlicher noch als erwartet hat sich die Ukraine am vergangenen Sonntag für einen Machtwechsel entschieden. Nachdem sich bereits beim ersten Urnengang eine Ablösung des bisherigen Präsidenten Petro Poroschenko durch seinen Herausforderer, den Schauspieler und Komiker Wolodymyr Selenskyj abgezeichnet hatte, sprachen sich bei der Stichwahl rund drei Viertel der wahlberechtigten Einwohner für einen Wechsel an der Spitze des Landes aus.

Dem Einwand, dass nun ein völlig unerfahrener Seiteneinsteiger das Ruder vom erprobten Politiker Poroschenko übernehmen werde, was zu neuen Problemen führen könne, kann man nur bedingt zustimmen.

Zum einen hat es der abgewählte Präsident in fünf Jahren Amtszeit und trotz aller finanziellen und politischen Hofierung durch EU und Nato nicht geschafft, die Lebensumstände für seine Landsleute auch nur ansatzweise zu verbessern, zum anderen hat er durch seine völlig einseitige Orientierung den Graben zum benachbarten Russland eher noch vertieft. Nicht zuletzt haben es ihm seine Wähler übel genommen, nicht gegen alte Seilschaften vorgegangen zu sein und nichts gegen die nach wie vor grassierende Korruption unternommen zu haben.

Sowohl die EU als auch die USA kritisieren weiterhin die völkerrechtswidrige Annektierung der Krim-Halbinsel, mit der weiterhin wirtschaftliche Sanktionen gegenüber Russland gerechtfertigt werden. Dass diese Annektierung nicht unwesentlich mit der zunehmenden militärischen und auch wirtschaftlichen Bedrohung eben durch die westlichen Bündnisse zusammenhängt, will man sich weiterhin nicht eingestehen. Dabei beschreibt der Begriff der „Realpolitik“, der von Putin kaltblütig appliziert wurde, doch ein Phänomen, das in anderen Machtzentralen deutlich geläufiger war als im Kreml.

Der neue Mann an der Spitze der Ukraine hat sicher keine einfach Aufgabe, sein weitgehend desorganisiertes Land am Schnittpunkt der Interessensphären von EU/NATO und Russland auf eine stabilere Basis zu stellen und die Chance auf eine dauerhafte Verbesserung der Lebensbedingungen zu schaffen.

Dass Selenskyj sein bisheriges Leben als Schauspieler und Komiker bestritten hat, spricht ihm die Fähigkeit zu vernünftigen Abwägungen und klugen Vereinbarungen nicht ab. Ronald Reagan war beileibe nicht der schlechteste Präsident, den die Amerikaner in den letzten 50 Jahren ins Weiße Haus gewählt haben. Überhaupt sind in der jüngeren Vergangenheit mehr führende Politiker als schlechte Schauspieler denn bekannte Schauspieler als schlechte Politiker aufgefallen, wie wir quasi täglich erleben müssen.

Gerade weil ihm eine gewisse Öffnung zum Westen und gleichzeitig auch eine geistige Nähe zu Russland nachgesagt wird, wäre Wolodymyr Selenskyj gut beraten, die mit der geographischen Lage seines Landes zusammenhängende Rolle der Ukraine richtig einzuschätzen und sich eher als Brückenbauer denn als Grabenarbeiter zu betätigen. Er hat zumindest die Chance, den goldenen Mittelweg zu suchen ... und zu finden.