LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Die Spätaussiedlerin Xenia Beder kam vor zehn Jahren aus Sibirien und macht jetzt ihren Master

Xenia Beder war 17 Jahre, als sie ihre Heimat verließ, die sibirische Stadt Omsk. Dem „Journal“ erzählt sie, wie ihr Weg über das Spätaussiedlerprogramm und ein nachgeholtes Abitur schließlich zu einem berufsbegleitenden Studium samt Job in Luxemburg führte.

Warum hast Du Sibirien verlassen?

Xenia Beder Meine Vorfahren waren vor langer Zeit wegen der Arbeit ausgewandert, das muss noch vor dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Mein Vater sprach noch Deutsch, meine Mutter ist Russin. Unsere Familie lebte in Omsk in Sibirien, das ist eine Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern. Mit dem Fall der Mauer 1989 gab es die Möglichkeit, als Spätaussiedler nach Deutschland zu kommen. Viele aus unserer Familie sind gegangen. Uns ging es gut, mein Vater war Maschinenbauingenieur, meine Mutter Sachbearbeiterin. Zuerst wollten sie nicht, aber dann dachten sie an die Zukunft von mir und meinem jüngeren Bruder. Das war 2005. Als wir ausreisten, war ich 17 Jahre alt.

Bist Du froh gewesen, Sibirien zu verlassen?

Beder Ja und Nein, Ich hatte gemischte Gefühle. In Russland endet die Schule mit 16 Jahren. Ich habe schon Wirtschaft studiert und hatte viele Freunde dort. Die Entscheidung war sehr schwer, weil ich damals nicht an die Zukunft gedacht habe. Aber ich habe versucht, meine Eltern zu verstehen. Sibirien haben wir damals per Flugzeug verlassen, fünf Stunden hat das gedauert. Unsere Verwandten haben uns zu einer Anlaufstelle gebracht. Wir sprachen kaum noch Deutsch und mussten erstmal einen Sprachkurs machen. Wir wurden ins Saarland geschickt, in ein Dorf in der Nähe von Homburg. Dort gab es eine Wohnung mit Grundausstattung.

Hattest Du Heimweh?

Beder Ja, das war ganz schlimm, ich habe in den ersten Wochen und Monaten so viel geweint, wie noch nie in meinem Leben. Aber es war auch vieles schön, das bessere Wetter beispielsweise oder die Blumen. Fast in jedem Dorf gibt es Leute mit so einem Schicksal. Die sind auf mich zugegangen und haben mich sehr unterstützt. Das half beim Heimweh.

Wie ging es dann weiter?

Beder Nach einem halben Jahr Sprachkurs wollte ich studieren, aber meine Ausbildung war nicht als Abitur anerkannt, sondern nur als mittlere Reife. Über die Otto-Benecke-Stiftung kam ich nach Mannheim, wo ich ein Jahr lang an einem Integrationsprogramm teilnahm. Danach bin ich auf das Aufbaugymnasium in Alzey bei Mainz gegangen. Das war eine schöne Zeit. Ich war zwar nicht bei meiner Familie, aber wohnte immer in Wohngemeinschaften. Viele Leute hatten ein ähnliches Schicksal. Das Heimweh wurde besser..

Was war anders als in Russland?

Beder Die Leute in Deutschland waren kalt und distanziert, das war das Negative. Das ist jetzt zum Teil auch noch so. Jetzt erscheint mir das aber nicht mehr ganz so negativ. Ich habe mich verändert und bin selbst auch zum Teil distanzierter geworden. Es stört mich nicht mehr. Wenn man mit jemandem vertraut ist, dann ist das nicht mehr kalt. Und durch die Arbeit in Luxemburg habe ich so viele Kontakte zu Leuten mit sehr unterschiedlichem kulturellem Hintergrund.

Wie bist Du nach Luxemburg gekommen?

Beder Ich hatte im Saarland meinen Mann kennen gelernt. Nach dem Abitur hatten wir eine Fernbeziehung. Dann habe ich in Kaiserslautern BWL studiert. Im Saarland gibt es nicht sehr viele Unternehmen mit interessanten Stellen, daher habe ich im Studium schon über Luxemburg nachgedacht. Als ich den Bachelor hatte, wollte ich noch den Master machen. Da fragte mich eine Kommilitonin, ob ich nicht doch arbeiten will. Sie kannte jemanden bei KPMG Luxemburg, die suchten Leute. Ich fand das toll und war beim Bewerbungsgespräch. Das hat mir sehr gefallen, es war sehr international. So bin ich nach Luxemburg gekommen. Nach etwa einem Jahr war mir klar, dass ich mehr lernen und noch meinen Master machen will. Zunächst wollte ich noch eine berufliche Herausforderung und bin zu PricewaterhouseCoopers gewechselt.

Wie bist Du auf den berufsbegleitenden Master gekommen?

Beder Ich habe allgemein recherchiert, was man machen kann, auch berufsbegleitend. Eine Kollegin hat das gemacht und erzählte nur Positives. Ich dachte, das hört sich doch gut an. Ich wollte mich nicht auf einen bestimmten Bereich festlegen. Bei PwC habe ich das berufsbegleitende Master-Studium begonnen.

Wie schaffst Du das bei einem solchen Job zeitlich?

Beder Das habe ich ein bißchen unterschätzt. Es ist schon sehr zeitintensiv, einen neuen Job und berufsbegleitendes Studium zu haben. Ich kann am Freitagnachmittag Überstunden abbauen und dann studieren, samstags auch. Zu Hause komme ich zu fast nichts. Aber mein Mann ist eine tolle Unterstützung. Er kocht und räumt auf. Mein Mann ist Handwerker im Innenausbau. Er hat kein Problem damit, dass ich den Master mache, auch wenn er nicht ganz nachvollziehen kann, warum ich unbedingt den MBA haben will.

Wie verkraftet das die Partnerschaft?

Beder Wir haben vorher darüber gesprochen. Aber es gibt schon Tage, wo er gerne mehr Zeit mit mir verbringen möchte. Ich versuche, viele intensive Sachen mit ihm zu unternehmen, zusammen Rad zu fahren oder zu reisen. Meine Familie wohnt jetzt übrigens bei Stuttgart, wo meine Eltern arbeiten. Mein Bruder wird Ingenieur.

Entspricht das Studium Deinen Vorstellungen?

Beder Ja, das kann ich nutzen. Es dauert zwei Jahre. Ich bin jetzt 27 und im zweiten Semester. Ich beeile mich, um im Sommer etwas Zeit zu haben. Im dritten Semester sind noch Veranstaltungen, im vierten schreibe ich dann die Masterarbeit. Praktisch ist, dass die Kurse in der Handelskammer sind.

Was willst Du mit dem Master machen?

Beder Ich will mich noch nicht festlegen. Es muss auf jeden Fall eine Änderung kommen, weil ich viel Zeit und auch Geld investiert habe.