LUXEMBURG
MARCO MENG

Erlebt die chinesische Wirtschaft einen Absturz? Nein, sagt der Chefökonom der Bank of China

Dass neben den USA China die treibende Kraft in der Weltwirtschaft ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Sorgenfalten trieben aber zuletzt die chinesischen Wirtschaftszahlen manchem auf die Stirn. Die Zeit der zweistelligen Wachstumsraten ist definitiv vorbei, erklärt Cao Yuanzheng, Chief Economist der Bank of China, die gestern zum Seminar über die Wirtschaft des Reichs der Mitte lud. Anlass zur Sorge gebe es dennoch nicht, denn was geschehe, ende nicht in einer harten Landung oder gar einem Absturz, sondern sei Ausdruck der strukturellen Änderungen, die vorgenommen würden.

Wie Zhou Lihong, General Managerin der Bank of China Luxembourg, sagt, hat man in China dazu den Begriff der „neuen Normalität“ geprägt.

Yuanzheng, der sich 1998 als damaliger Wirtschaftsberater der chinesischen Regierung als erster für die Internationalisierung des Renminbi ausgesprochen hatte, erklärt, warum es geht. Der Rückgang des BIP-Wachstums, ihm zufolge Ausdruck der systemischen Änderungen der chinesischen Wirtschaft - weg von exportorientierter Billigproduktion, hin zu mehr Dienstleistung - bedarf darum auch keiner antizyklischen Konjunkturmaßnahmen, sondern weitere Reformen. Angestrebt werde ein langfristiges und nachhaltiges Wachstum von jährlich sechs Prozent.

Yuanzheng verweist darauf, dass die Arbeitskosten in China gestiegen sind und die chinesische Textilindustrie sogar schon dazu übergegangen sei, in Ländern wie Vietnam zu investieren. In vielen Bereichen herrsche Überproduktion: Nicht bei Kühlschränken, aber beispielsweise bei der Stahlherstellung, so Yuanzheng, weshalb vielfach auch Fabriken geschlossen würde. Das habe die Luft um Peking herum deutlich verbessert, scherzt der Ökonom. Einen ernsten Hintergrund hat aber auch das: Denn nicht mehr allein Wachstum, auch Umweltschutz steht auf Pekings Agenda.

Wirtschaft auf solide Basis stellen

China sieht sich vielfältigen Herausforderungen gegenüber, denen der neue 5-Jahres-Plan, der dieses Jahr vorgestellt werden wird, gerecht werden muss. Zentrale Punkte sind dabei die demographischen Veränderungen mit einer älter werdenden Bevölkerung und der Abwanderung der weniger werdenden Arbeitskräfte in die großen Städte des Ostens sowie die Frage nach dem steigenden Energiekonsum. Fakt ist: Der innerchinesische Konsum steigt und durch die älter werdende Bevölkerung gewinnt der Gesundheitsmarkt an Bedeutung.

Wie die Zahlen zeigen, geht das Wachstum von Exporten wie auch Importen seit 2010 zurück. Für Yuanzheng liegt darum auf der Hand, dass die technologische Entwicklung gesteigert werden muss und Innovationen wichtiger denn je sind, damit das BIP auf hohem Niveau bleibt.

Hin zur Dienstleistungsgesellschaft

Die Probleme, die mit dem neuen 5-Jahres-Plan gelöst werden müssten, seien die Verschuldung der Lokalregierungen, die Schattenbanken und auch die faulen Kredite, zumeist Immobilienkredite, deren Volumen allerdings im Vergleich zum Gewinn der Banken kein besorgniserregendes Maß angenommen hätte. Falle der Häusermarkt nicht um mehr als 30 Prozent, sei auch kein systemisches Risiko zu sehen. Yuanzheng schätzt, dass sich die Investitionen in Immobilien im laufenden Jahr wieder stabilisieren werden. Auch die Schulden der Provinzregierungen sei im Vergleich zu Ländern wie Japan, den USA aber auch Deutschland sehr gering. Eine Stärkung des Steuersystems sei dennoch nötig; letztes Jahr habe man mit einer Wende von Einkommensbesteuerung hin zu mehr Verbrauchssteuern begonnen.

„Das Problem bei den Schattenbanken ist, dass sie Schattenbanken sind“, bringt es Yuanzheng auf den Punkt. Kenne man Risiken, könne man sie kontrollieren. Die Regierung habe darum die Banken dazu angehalten, Geschäfte außerhalb der Bankbilanzen zurückzuholen und transparenter zu machen.

Strukturelle Reformen müssen, sagt der Ökonom, im neuen Wirtschaftsplan schnell angegangen werden, damit die Transformation der chinesischen Wirtschaft auf gesunder Basis weitergehe. Dazu gehöre auch, die beiden Punkte des letzten Planes, die nicht erreicht werden konnten, in den kommenden fünf Jahren umzusetzen: Die Beschäftigung im Dienstleistungssektor deutlich zu steigern wie auch die Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Als Teil der Lösung propagiert Yuanzheng mehr Projekte in Public Private Partnership (PPP). Dieses Modell werde immer wichtiger und sei auch in Zukunft interessant für Investoren. „Luxemburger Investoren sollten den PPP viel Aufmerksamkeit zu schenken“, empfiehlt Yuanzheng.