LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Luc Henzig leitet jetzt den Bereich „Formation“ der Handelskammer und hat einiges vor

Seit Juli 2016 ist Luc Henzig bei der Handelskammer, seit diesem Monat zeichnet er dort als Direktor des Bereichs „Aus- und Weiterbildung“ verantwortlich, die sich um die Belange der über 60.000 Mitgliedsunternehmen kümmert. Wir haben mit ihm über digitale Fortbildung, andersartige Diplome, das neue „Institut Supérieur de l’Économie - Akademie der Wirtschaft“ und die Prioritäten gesprochen.

Herr Henzig, Sie waren 28 Jahre lang bei PwC. Wie haben Sie sich hier eingelebt?

Luc Henzig

ZUR PERSON

Von 1986 bis 2014 war Luc Henzig (56) bei PricewaterhouseCoopers, zuletzt als Partner. Dann war er 18 Monate lang Direktor der „Agence luxembourgeoise d’action culturelle“, bevor er im vergangen Jahr als Mitglied der Geschäftsführung zur Handelskammer wechselte, deren Bereich Aus- und Fortbildung er seit diesem Monat leitet. Henzig ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Er sammelt privat Gitarren und begeistert sich auch für Science-Fiction, unter anderem für Hugo Gernsbach. (CC)

Luc Henzig Ich hatte Zeit, Abstand zu gewinnen, weil ich in der Zeit danach eine mehrwöchige Ausstellung im renommierten Kunstmuseum von Groningen organisiert habe, wo einige Gitarren meiner Sammlung ausgestellt wurden. Die Ausstellung wurde wegen des Erfolgs sogar verlängert und so war ich froh, Zeit dafür zu haben. Danach hatte ich mehrere Anfragen, wollte aber nur begrenzte Mandate annehmen. Aus einem einjährigen Mandat für die Alac wurden 18 Monate, und dann kam ich mit der Handelskammer ins Gespräch. Seit sechs Monaten bin ich jetzt hier. Für meine Arbeit hat es mir sehr geholfen, dass ich aus meiner langen Tätigkeit bei PwC zahlreiche Unternehmen von innen gesehen habe und deren Bedürfnisse und Herausforderungen kenne. Als ich bei PwC anfing, waren wir sechs Mitarbeiter, als ich ging, waren es 2.400. Dort habe ich unterschiedlichste Bereiche verantwortet - und Beratung/Bildung war einer davon.

Sie sind hier zuständig für den Bereich „Formation“. Was genau fällt da hinein?

Henzig Wir begleiten die Mitgliedsunternehmen bei ihrer Entwicklung und fördern deren Wohlstand. Die Ausbildung ist ein Teil unserer Dienstleistungen und festzustellen, welche Kompetenzen fehlen und dementsprechende Ausbildungen anzubieten, ist eine unserer Hauptaufgaben. Wir haben hier drei Bereiche, die wir betreuen: Zum einen das „House of Training“, das in der Form eine Stiftung von der Kammer und dem Bankenverband ABBL ist. Das „House of Training“ bietet Abendkurse für Unternehmer und viele Wirtschaftszweige an. Der zweite Bereich betrifft die Lehre. Hier berät die Adem zunächst die Jugendlichen und unsere Aufgabe ist es, die Jugendlichen und die Lehrstellen passend zu koordinieren. Dazu gehen wir in die Betriebe, erkundigen uns nach dem Bedarf und begleiten die Ausbilder dort vor Ort. Zurzeit betreuen wir mehr als 4.000 Lehrlinge. Im Jahr 2016/2017 hatten wir rund 1.000 neue Lehrlinge, das ist ein Rekord. Dennoch herrscht in verschiedenen Berufen Mangel an Azubis, wie beispielsweise im Hotel- und Gaststättengewerbe.

Da gibt es auch noch das neue „Institut Supérieur de l’Économie - Akademie der Wirtschaft“.

Henzig Ja, das ist der dritte Bereich, für den wir zuständig sind. Es ist eine technische Hochschule, die erst vor wenigen Monaten gegründet wurde und das Angebot vervollständigen soll. Es geht darum, dass Menschen, die schon einige Jahre Erfahrung haben, hier ein Diplom erwerben können, damit ihre Kenntnisse und ihre Erfahrung entsprechend gewürdigt wird. Diese sollen praxisnah sein und die duale Ausbildung aufwerten. In dieser Woche haben wir mit der Uni Metz einen Master in Qualitätsmanagement aufgelegt. In Zukunft soll es noch mehr berufsbezogene Bachelor- und Masterabschlüsse geben. Derzeit verhandeln wir beispielsweise über den Bereich Bau.

Welche Akzente wollen Sie setzen?

Henzig Wir arbeiten nah an den Bedürfnissen des Marktes. Was wird gebraucht? Wenn man die Rifkin-Studie liest, wird auf jeder fünften Seite über Ausbildung gesprochen. Aber das muss man konkret umsetzten. Die Themen reichen von Sozialwissenschaften bis hin zur künstlichen Intelligenz, das ist ein weites Feld. Wir können aber nicht nur für die Eliten arbeiten. Die größten Herausforderungen liegen in den unqualifizierten Berufen. Was macht man mit jemandem, der vorher Regale im Lager bestückt hat und jetzt durch einen Roboter ersetzt wird, den er steuern muss? Bei diesen Umschulungsaufgaben wollen wir die Unternehmen begleiten.

Wie wollen Sie die Jugendlichen in Luxemburg für eine Lehre interessieren?

Henzig Wir haben viele Initiativen, das reicht von der win-win-Kampagne bis hin zum Talentcheck. Letzterer ist ein großer Erfolg. Da kommen ganze Schulklassen und machen Tests. Damit können wir den Jugendlichen eine grobe Berufsorientierung vermitteln und andererseits lernen sie eine Menge neuer Berufe kennen. In dieser Woche haben wir uns am RTL-Jobtag beteiligt. Das war auch ein Riesenerfolg. Und demnächst fährt der HelloFuture-Lkw los. Dies soll Jugendliche anregen, Pratikantenstelle zu benutzen, um die Berufswelt zu erleben. Um ihnen dabei zu helfen, gibt es unter anderem Anschauungsvideos, die Berufe in der Industrie erklären, beispielsweise von Robin Peinture. Dort kann man erfahren, dass Farben herstellen ein vielfältiges Berufsfeld bietet vom Verkäufer bis zum Chemiker. Dann wird klar, wie viele unterschiedliche Berufe in einem Unternehmen ausgeübt werden können. Wir wollen junge Menschen besser orientieren und die duale Ausbildung in ein besseres Licht rücken. Da lassen wir uns auch von den deutschen Industrie- und Handelskammern inspirieren, die in diesem Gebiet die Vorreiter sind.

Wie sinnvoll sind Praktika?

Henzig Sehr sinnvoll! Ich selbst habe das in meiner Jugend auch gemacht und bin so Wirtschaftsprüfer geworden. Bei PwC hatten wir jährlich rund 300 Praktikanten und haben die Besten immer gern zurückbehalten. So ist es in jedem Unternehmen. Meinen eigenen Kindern habe ich das auch ans Herz gelegt, ab 16 Jahren ist das ja möglich. Es ist die beste Art festzustellen, ob einem der Beruf zusagt. Außerdem gibt es einmalige Einblicke ins Wirtschaftsleben. Und das ist ja richtig spannend.

In letzter Zeit geht es immer mehr um die digitale Welt und das E-Learning.

Henzig Technologie ist eine gute Sache, aber der menschliche Aspekt ist entscheidend. Wir werden hier E-Kurse anbieten, aber nicht alles darauf abstellen. Begleitung und Netzwerke sind weiterhin sehr wichtig. Wir wollen verstärkt die Weitergabe von Erfahrung durch Unternehmer fördern. Es gibt erste Ansätze, aber das ist noch nicht so weit, wie ich mir das vorstelle. Die Unternehmer, die jahrelang im Geschäft waren, haben sehr viel zu geben - vor allem an die, die heute in den Unternehmen sind. Hier wollen wir Brücken schlagen zwischen verschiedenen Bildungsniveaus.

Verändert das die Diplome?

Henzig Wir denken darüber nach, wie man Schnuppermodule in weiteren Ausbildungen anrechnen kann oder wie Zertifikate einzelne Kompetenzen widerspiegeln können. Das bedeutet keine Abwertung von Abschlüssen. Am Ende des Tages zählt Erfahrung - und das wollen wir stärker betonen.