NIC. DICKEN

Nicht nur für die Menschheit, sondern in besonderem Maß auch für den wilden, ungebremsten Turbo-Kapitalismus der letzten Jahrzehnte könnte die grassierende Corona-Pandemie zu einer nachhaltigen Katastrophe werden. Innerhalb von nur einigen Wochen wurden nämlich nicht nur das Zusammenleben und die Kommunikation zwischen den Menschen auf ein zuvor eigentlich undenkbares Minimum zurückgefahren. Im gleichen kurzen Zeitraum ist insbesondere auch die gesamte Weltwirtschaft größtenteils zum Erliegen gekommen, kamen ganze Aktivitätsbranchen völlig zum Erliegen, wurden Produktionswerke, die zuvor noch auf Hochtouren gelaufen waren, in einen zuvor nie erwarteten Stillstand versetzt, mussten mangels Kundschaft kontinentale und globale Verkehrsverbindungen komplett gekappt werden, wurde das gewohnt umtriebige Geschäftsleben auf das strikt lebensnotwendige Maß reduziert.

Selbst die größten Kultur- und Sportveranstaltungen, bei denen enorme Geldbeträge im Spiel waren, sind quasi von einem Tag auf den anderen aus dem Kalender verschwunden oder wurden auf deutlich spätere Zeitpunkte verlegt. Allerdings wurde dadurch auch neuer Raum geschaffen für Einfallsreichtum und originelle Improvisationen, die gegenüber den traditionellen Millionenveranstaltungen kaum eine Chance auf Wahrnehmung hatten.

Es ist, als hätte sich ein profunder Wandel vollzogen, dessen Ausmaß derzeit nur schwer einschätzbar erscheint. Im Vordergrund steht als Leitsatz nicht mehr die Mehrung des materiellen Wohlstands, sondern das wirklich Wesentliche: das schlichte Überleben.

Inwiefern dies nur ein vorübergehendes Phänomen sein wird, das mit dem Abklingen der Corona-Krise schnell wieder in Vergessenheit geraten wird, muss sich erst zeigen. Nicht schlecht stehen auch die Chancen dafür, dass infolge des abrupten Stillstands und der weitgehenden Abkehr von gewohnten Lebensläufen ein neues Bewusstsein entstehen wird, in dem scheinbar vergessene Tugenden wie Solidarität, Nachbarschaftsdenken und menschliches Miteinander über Bildungs- und Einkommensklassen hinweg dauerhaft an Bedeutung gewinnen.

Und auch das hat uns innerhalb von ein paar Wochen die Corona-Krise gelehrt: Das Virus macht keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen Macht und Ohnmacht. Alle können gleichermaßen in Lebensgefahr geraten und fallen damit in die Obhut und Verantwortung von Menschen, über die man in der Vergangenheit geflissentlich hinweg gesehen hat. Vor dem Hintergrund von Corona erhält der Begriff der Systemrelevanz eine neue Bedeutung. Da zählen dann die unscheinbare Krankenschwester, der Alterpfleger, die Kassiererin im Supermarkt oder der Sendbote mit geringsten Einkommen in ihrer Rolle für die Gesellschaft plötzlich mehr als der hoch bezahlte Finanzingenieur, die erfolgsverwöhnte Architektin, die gut dotierte Verwaltungsangestellte oder der abgehobene Konzernmanager.

Derzeit ist nichts mehr, wie es einmal war. Aber manches könnte so bleiben, wie es derzeit ist. Vor ein paar Tagen brachte es die Transformationsforscherin Maja Göpel auf den Punkt: „Es ist viel mehr möglich!“