CANNES
CLAUS REHNIG

„Amour Fou“-Regisseurin Jessica Hausner im Gespräch

Der Spielfilm „Amour Fou“, koproduziert von der gleichnamigen, in Ettelbrück ansässigen Produktionsfirma, feierte in Cannes Premiere. „Journal“-Mitarbeiter Claus Rehnig, der in den kommenden Tagen von der Croisette berichtet, traf Regisseurin Jessica Hausner zum Gespräch.

Was hat Sie an diesem Thema so sehr interessiert?

Jessica Hausner Ein Doppelselbstmord aus Liebe kann ja nur schief gehen, denn zwei Menschen die gemeinsam sterben wollen, werden unweigerlich nicht gemeinsam sterben, sondern jeder wird für sich alleine sterben, genauso wie jeder für sich alleine leben kann. Also der Film handelt sehr stark davon, dass die Menschen grundsätzlich voneinander getrennt sind. Jeder hat seine eigene Wahrheit, seine eigene Wirklichkeit. Jeder sieht die Welt durch seine eigene Sonnenbrille. Der andere Mensch wird immer ein Geheimnis bleiben.

Das tragische Thema ist bei Ihnen zur Komödie geworden?

Hausner Die Tatsache, dass Kleist verschiedene Menschen gefragt hat, ob sie mit ihm sterben wollen, das ist eigentlich lustig. Er hat zuerst seinen besten Freund gefragt, der wollte aber nicht, dann hat er seine Cousine gefragt, die wollte auch nicht, dann hat er Henriette gefunden, die glaubte, dass sie sterbenskrank ist. Die Absurdität, dass ein Sterben aus Liebe austauschbar sein kann, da wird das Absolute der Liebe komplett in Frage gestellt, ganz einfach mal komplett auf den Kopf gestellt. Damit spielt der Film, wenn man die Halbherzigkeit, die Lächerlichkeit der menschlichen Existenz wahrnimmt, aber gleichzeitig auch versteht, so ist es eben.

Ein Projekt über einen Doppelselbstmord hatten Sie schon vor zehn Jahren?

Hausner Was ich damals geschrieben habe, war irgendwie tragisch und gefiel mir nicht. Der neuerliche Anlauf mit Kleist, durch die Austauschbarkeit seiner Partnersuche, das fand ich witzig, da habe ich verstanden, da kann ich etwas erzählen über eine „Condition humaine“, die Wahnsinn ist. Die Sehnsucht nach Absolutheit oder wahrer Liebe wird hier wirklich ins Wanken gebracht.

Wie haben Sie gearbeitet: Selbst der Hund scheint genau den Regieanweisungen zu folgen?

Hausner Ich habe versucht den Eindruck zu geben, dass alle wie Marionetten einer vorgegebenen Choreographie folgen. Die ganze Erzählung baut darauf auf, dass individuelle Freiheit stark in Frage gestellt wird. Der Film handelt davon, dass jeder durch seine Umstände bestimmt ist und dass auch in der Liebe die Umstände entscheidend dafür sind, ob man sich für jemand oder gegen jemand entscheidet.

„Lovely Rita“, „Hotel“, „Lourdes“, „Amour Fou“, zwischen Ihren Filmen liegt sehr viel Zeit, oft fünf Jahre?

Hausner Hotel war sehr kontrovers aufgenommen worden, da brauchte ich eine Weile um mich zu vergewissern, dass ich mich weiterhin trauen würde, unlösbare Probleme zu behandeln, die den Zuschauer verärgern, weil man ihm keine Lösung geboten hat. Was ich weiß, ist dass ich meinen Horizont erweitern will. Das ist so eine lange Zeit, die man sich mit einem Film beschäftigt, das muss spannend sein.