LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Am 19. April startet das sechste „LiteraTour“-Festival in Bettemburg

Wer „Literaturveranstaltung“ liest, sich jedoch eher wenig für das geschriebene Wort interessiert, richtet sein Augenmerk möglicherweise schnell auf etwas anderes. Der etwas genauere Blick auf das Programm des zweiwöchigen Festivals „LiteraTour“ in Bettemburg, das am 19. April startet, lohnt sich aber, und dies keineswegs nur für eingefleischte Literaturkenner und emsige Leseratten. Dass es bereits die sechste Auflage der Veranstaltung rund um die Literatur ist, spricht für den Erfolg.  

„Uns geht es darum, Spaß am Lesen, am Buch und auch an der Sprache zu verbreiten. Um die Literaturliebhaber müssen wir uns nicht extra bemühen, sie kommen von selbst. Unsere Idee ist es vielmehr, ein möglichst breites Publikum auf eine alternative, manchmal auch spielerische Art und Weise an die Literatur heranzuführen“, erklärt Patrick Hurt, in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Bettemburg verantwortlich für die Programmkoordinierung des „LiteraTour“-Festivals. Klassische Lesungen gehören deshalb ebenso dazu wie Events, die etwas mehr aus dem üblichen Rahmen fallen, so etwa die „RallyteraTour“ am 28. April, während der Literatur mit Spielen verbunden wird. „Wir bieten alternative Wege, um die Leute mit Literatur in Kontakt zu bringen“, bemerkt Hurt. 

Fokus auf Nachwuchstalente

Interesse am Lesen wecken ist eines der erklärten Ziele, Schriftsteller dazu ermutigen, ein Buch zu schreiben, ein anderes. Diesbezüglich wird ein besonderer Fokus auf die Nachwuchstalente gerichtet. Stichwort „Prix Laurence“: Er liegt den Organisatoren sehr am Herzen. Und der Erfolg dieses Schriftstellerwettbewerbs gibt ihnen Recht. An der diesjährigen Auflage – es ist die vierte - haben sich 92 Autoren zwischen zwölf und 26 Jahren mit 182 Texten beteiligt. „So viele waren es noch nie“, stellt Hurt im Gespräch mit dem „Journal“ erfreut fest. „Wir sind selbst überrascht, dass die Beteiligung noch immer so groß ist. Die Qualität der Texte ist bemerkenswert und steigt sogar von Jahr zu Jahr. Die Jury steht immer vor einer schwierigen Aufgabe“, fügt er hinzu. Alle Beiträge – es sind inzwischen rund 500 – werden auf der Internetseite www.prixlaurence.lu gesammelt. „Nach und nach konnte so ein Archiv mit junger Literatur aufgebaut werden. Die Themen, mit denen sich die Nachwuchsautoren beschäftigen, sind meist sehr aktuell. Die Flüchtlingsthematik, Krieg und Tod sind als Sujet oft wiederzufinden. Teils ist es erschreckend, wie die jungen Menschen dies alles verarbeiten. Ihr Blick auf die Welt – ungefiltert und nicht schön geredet - gibt uns doch schon mal zu denken“, berichtet Hurt. 

Die Finalisten des diesjährigen „Prix Laurence“ stehen bereits fest, an diesem Wochenende werden sie sich, unterteilt in zwei Alterskategorien, der Jury und dem Publikum nun in Person stellen und ihre Texte vortragen. Danach werden die Gewinner gekürt. Auch das Publikum wählt seinen Favoriten. Seit letztem Jahr werden die Gewinnertexte anschließend übrigens in einer Anthologie veröffentlicht. „Dies ist ein weiterer Schritt, um das Projekt ,Unterstützung junger Autoren‘ konsequent weiterzuführen. Die Anthologie kann ihnen Türen öffnen, es ist eine Art Visitenkarte“, ist sich Hurt sicher. 

Buzzern bei „Poetic Voice“

Auch mit dem Event „Hues de do nach Wierder“ versuchen die „LiteraTour“-Organisatoren, junge Leute dazu zu ermutigen, nicht nur für die Schublade zu schreiben. Die zweite Ausgabe geht am 28. April über die Bühne. „Junge Schriftsteller stellen sich mit einem rezenten Text einer Jury, bestehend aus drei Autoren. Ähnlich wie bei der Musikshow ,The Voice‘ drücken sie auf einen Buzzer, wenn ihnen ein Text besonders gut gefällt. Die Gewinner werden danach mit dem Jurymitglied zusammenarbeiten und während einer Zeit von ihm begleitet. An diesem Abend trifft noch dazu junge Literatur auf junge Musik. Dahinter steckt gleichzeitig die Idee, Besucher, die vielleicht in erster Linie wegen des Konzerts der Band ,Epicure‘ kommen, indirekt mit der Literatur in Kontakt und somit auf den Geschmack zu bringen“, sagt Hurt.

Wachsendes Programm und Renommee

Wie man an „Hues de do nach Wierder“ sieht, kommt jedes Jahr etwas Neues hinzu, diesmal die Veranstaltung „On the Road – D’Literatur geet op d’Strooss“ am 28. April mit einem Büchermarkt, Lesungen, Workshops und Musik in den Straßen von Bettemburg. Das „LiteraTour“-Festival wächst also immer noch, genau wie sein Bekanntheitsgrad und letzten Endes sein Renommee. „Seit der letzten Ausgabe spüren wir das sehr deutlich. Auch seitens der Medien ist die Aufmerksamkeit gewachsen“, freut sich der Programmkoordinator. Klar ist natürlich, dass die ganz Kleinen nicht fehlen dürfen, wenn es darum geht, die Lust am Lesen zu wecken. An sie richtet sich etwa der „Bustawe Bongert“ am 22. April.

Alle Details zum Programm finden Sie unter www.literatour.lu.

Infos zum „Prix Laurence“ unter www.prixlaurence.lu

Lesezeichen

#ireadbooks

Unser Gehirn ist nicht fürs Lesen gemacht. Die Schrift wurde erst vor 5.400 Jahren erfunden, das menschliche Genom konnte innerhalb dieses evolutionsgeschichtlichen Wimpernschlages noch kein Lesezentrum im Kopf entwickeln. Um in der afrikanischen Savanne zu überleben, „lasen“ unsere Vorfahren zwar schon Zeichen, aber dabei ging es nicht um Sprachkunstwerke, sondern um die Spuren wilder Tiere. Um Schrift zu erkennen, mussten Gehirnregionen zweckentfremdet werden.
Wie Sie merken, hat das beeindruckend gut geklappt: Ihr Blick hüpft etwa fünfmal pro Sekunde über jede Textzeile. Jede Buchstabenkette wird in Millisekundenschnelle in tausende Einzelteile zerlegt und in ein Wort zurückverwandelt. Aus dem Wort wird ein Lautbild, aus dem Lautbild eine Vorstellung - Sie lesen.
Heutzutage lesen mehr Menschen als jemals zuvor. Deshalb ist diese Kulturtechnik nicht gefährdet, ihre jüngste Entwicklung aber macht den Bücherwurm zur bedrohten Spezies. Man liest schneller, kürzer, ungenauer und vor allem digital. Zum Leidwesen des intellektuellen Slowfoods namens Buch. Denn die Leser konsumieren nunmehr Kürzesttexte auf Twitter, WhatsApp und Co. Wer dem Buch das Schicksal von Steintafel und Schriftrolle ersparen will, sollte sich dafür einsetzen, dass hyperaktive Hyperlinkanklicker und gehetzte Textschnipselverschlinger wieder ausdauernder, konzentrierter und vertiefter lesen lernen.
Diese Art der Lektüre macht vielleicht nicht schön und schlank, dafür aber schlau. Und im Übrigen: Wer so liest, lebt länger. Im Schnitt zwei Jahre.
Aber man kennt das ja von der ausgewogenen Ernährung: Klar ist sie gesund, nur leider klafft da diese erbärmliche Lücke zwischen Wissen und Anwendung. Tatsächlich muss man auch das Bücherlesen lieben lernen: Soziale Medien, YouTube, Netflix – die mediale Konkurrenz für das Buch ist groß. Lesen lieben lernen, das geht nur, wenn Familie und Freunde es vorleben.
Infizieren Sie also andere mit Ihrer Leselust! Lassen Sie Ihre Begeisterung für gute Bücher viral werden – auch online! Bekennen Sie: #ireadbooks! Jérôme Jaminet 
Lëtzebuerger Journal

Die Fantastischen 3

Shaun David Hutchinson: The Apocalypse of Elena Mendoza

Die Apokalypse beginnt auf einem Parkplatz hinter einem Starbucks. Elena Mendoza, 16 Jahre alt, Barista und Gegenstand mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten über Parthenogenese, weil ihre Mutter bei ihrer Geburt Jungfrau war, hat sich gerade dazu überwunden, Freddie anzusprechen, das Mädchen, in das sie seit der achten Klasse verliebt ist. Von hinten nähert sich ein Junge und schießt Freddie in den Bauch. Elena hat schon immer Stimmen gehört, sodass sie nicht erstaunt ist, als das Starbucks-Logo sie auffordert, Freddie zu heilen. Tatsächlich rettet sie ihr durch Handauflegen das Leben. Gleichzeitig steigt der Täter in einem Lichtstrahl in den Himmel auf. Das Ende sei nah, sagen die Stimmen, und es sei an Elena, die Menschheit zu retten. Doch kann sie ihnen vertrauen? Wem soll sie helfen, wem nicht? Hutchinson erforscht die ethischen Implikationen des christlichen Erlösungsmotivs mit dem skeptischen Blick einer 16-Jährigen, die ihre kleinen Geschwister versorgen und gegen deren Vater verteidigen muss. Seine Figuren, von denen einige ganz nebenbei und selbstverständlich queer sind, denken über den Selbstbetrug der Verliebtheit und die Ausdauer der Liebe nach, über Glaube und Freiheit, echte und scheinbare Macht – ohne, dass das Tempo des Romans je darunter leidet. Ein entschieden moderner Blick auf das uralte Thema des Weltenendes. Von Elisabeth Dietz

Simon Pulse, 448 Seiten, 10,99 Dollar



Andreas Moster: wir leben hier, seit wir geboren sind

Literatur ist dann stark, wenn sie Vorhandenes, Erwartbares und Denkbares mischt und über den Haufen wirft. Genau das macht Andreas Moster in seiner Beschreibung der beklemmenden Welt eines entlegenen Dorfes irgendwo in den Bergen. Die Zeit ist stehengeblieben. Harte Arbeit und strenge Sitten bestimmen den Alltag. Plötzlich taucht ein Fremder auf und bringt das vermeintlich feste Gefüge ins Wanken. Er soll überprüfen, ob der Steinbruch, von dem das Dorf lebt, noch rentabel ist. Die Männer des Dorfes sehen ihre Existenz bedroht, fünf jungen Mädchen aber hoffen, mit Hilfe des Fremden ihren strengen Vätern und den lüsternen Dorfburschen entfliehen zu können. Die Inspektion des Steinbruchs endet mit einem tödlichen Unfall und dann verschwindet eines der Mädchen spurlos. Beim großen Dorffest kommt es schließlich zur Katastrophe. Andreas Mosters Debütroman ist ein düsteres Alpendrama, flirrend zeitlos, irgendwo  zwischen Western und griechischer Tragödie. Der Text ist intensiv und dicht, setzt auf Rhythmus, virtuos verzahnte Motive und Wechseln in den Erzählperspektiven. Moster riskiert viel, aber beherrscht sein Erzählspiel traumwandlerisch sicher. Ein wirklich starker Roman voller Gewalt, Kraft und Wucht. Von Jochen Kienbaum

Eichborn Verlag, 176 Seiten, 18 Euro



Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe

Woher kommt eigentlich die Liebe? Ist sie eine menschliche Konstante, ein kulturelles Konstrukt oder ein wilder Hormoncocktail? Vermutlich von allem ein bisschen. Die „romantische Liebe“ jedenfalls, die heute für die meisten partnerschaftlichen Beziehungen konstitutiv ist, ist eine recht junge Erfindung. Liv Strömquist, feministische Comiczeichnerin aus Schweden, analysiert mit Witz, Klugheit und Charme die Konstruktion eines Beziehungsmodells, das die gegenseitige Zuneigung unter der Prämisse von Ausschließlichkeit und „sexuellem Eigentumsrecht“ definiert. Die Dynamik von Beziehungen, das legt Strömquist unter launiger Bezugnahme sowohl auf die Popkultur als auch auf die Sozialforschung dar, wird auch durch unsere Vorstellung von Geschlechterrollen geprägt. Was ist typisch männlich und typisch weiblich? Wie wirken sich diese Zuschreibungen auf unsere Beziehungsgestaltung aus? Wie auch schon in „Der Ursprung der Welt“, das u.a. von der Unterdrückung weiblicher Sexualität handelte, weiß Liv Strömquist wichtige feministische Themen mit einer Nonchalance darzustellen, die so einnehmend wie pointiert ist. Eine Graphic Novel für alle, die mit anderen Augen auf Liebe und Beziehungen blicken wollen! Von Sophie Weigand

avant Verlag, 136 Seiten, 20 Euro
Lëtzebuerger Journal
Albert Camus

L’Étranger

Aujourd’hui maman est morte. Je sais, je sais cette première phrase n’a été que trop citée… mais lorsque je l’ai lue pour la première fois, j’avais 15 ans, une puberté discrète, un front couvert d’acné, une haine certaine du monde qui m’entourait, mais des parents tout à fait potables et par conséquent, cette phrase, je l’ai prise en pleine gueule. Aujourd’hui maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas. C’était dit juste comme ça, même pas de point d’exclamation. Puuutain…! C’était le premier livre sérieux (lisez: chiant, parce que imposé par le prof) qui a retenu mon attention. J’avais lu pas mal jusque-là: des trucs faciles, des trucs pour la jeunesse, mais ça… non. Du coup, j’ai continué.
Ce type, Meursault (quel nom à la con!) m’intriguait. M’exaspérait plutôt. Plus ça allait, plus il me mettait mal à l’aise. Sa mère meurt et lui… bof! Il couche avec son amie et trouve ça… rebof (alors que nous, onanistes enragés, on ne pensait qu’à ça et ce type, ça le laissait complètement…bof) Et puis il tue un type… rerebof… et finalement on va lui trancher le cou et… rererebof… et… et j’ai commencé à réaliser vaguement que cette histoire, ce n’était pas seulement l’histoire d’un mec un peu barge… cette histoire, ça parlait d’autre chose. De l’absurdité, nous expliquait notre prof, de l’absurdité de la condition humaine. Absurdité… je connaissais le mot, mais je ne mesurais pas l’envergure de la chose. J’essaie d’en faire le tour depuis… depuis que j’ai découvert que la littérature a quelque chose à dire. Quelque chose de terrible... par tullio forgiarini


Gallimard, 185 pages, 6,99 Euro