LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Was der Jahreswechsel wirklich bedeutet

Als ich am ersten Januar wach wurde, betrachtete ich ausgiebig meine Zehen, meine Arme und Beine. Ich richtete mich, vorsichtig, im Bett auf, stellte sicher, dass ich auch wirklich den linken Fuß zuerst auf dem Boden absetzte, dann erst kam auch der rechte, mit einem leichten Platschgeräusch, mit dem Boden in Berührung. Schließlich stand ich auf. Unsicher drehte ich mich einmal um die eigene Achse, blickte mich in meinem Zimmer um.

2019 ohne Frau Holle

Wo blieben nur die Veränderungen? Warum zeigten sie sich nicht?

Ich ging zum Fenster und schüttelte mein Kopfkissen aus. Unglaublich, aber wahr: Auch 2019 beginnt es dadurch nicht zu schneien und ich muss meine Karriere als Frau Holle wohl wieder auf das Eis legen, das draußen einen weißen Mantel um die Briefkästen und Pflanzen gelegt hatte.

„An, gutt ugefaang?“, ertönte es von der Straße. Heimlich verdrehte ich die Augen. Mein Nachbar hatte es sicher nur gutgemeint. Dabei war es nur eine leere Floskel. Der Beginn eines vordefinierten Gesprächs. Ich hielt das Kissen mit beiden Händen umklammert, weggebölllert hatte ich sie mir also nicht, der Sektkorken hatte mir kein blaues Auge verpasst und was sonst sollte mir, bei aller Tollpatschigkeit, ausgerechnet in den ersten zehn, zwölf Stunden vom neuen Jahr zugestoßen sein? Vielleicht wollte der Nachbar ja nur seine Sensationsgier befriedigen, wissen, wie ich gefeiert hatte und mit wem, bis wieviel Uhr ich weggewesen war und wieviel ich getrunken hatte. Ich biss mir auf die Zunge. Unser Gespräch nahm dann den üblichen Verlauf – „Gutt, merci, a selwer?“, „Merci, ech och“.

Heute würden noch viele Menschen nach uns diese Floskeln abspulen, da war ich mir sicher.

Magisches Dazwischen

Ich ging in die Küche, stellte fest, dass der Geruch von Raclettekäse und vom feuchtfröhlichen Weihnachtsfamilienstreit immer noch in der Luft lag. War etwa auch hier noch alles beim Alten? Was war mit: „Neues Jahr, neues Glück“?

Erstmals hegte ich ernsthafte Zweifel, dass der Jahreswechsel den Aufruhr, der um ihn gemacht wird, verdient. Mir kam der Verdacht, dass mich umsonst diese gespannte Erwartungshaltung zu ergriffen begonnen hatte, als die digitale Uhr wenige Stunden zuvor plötzlich vier Nullen angezeigt hatte.

Null steht bekanntlich für etwas, das nicht existiert. In der Tat schien ich einen kurzen Moment zu durchleben, der aus Raum und Zeit gefallen war, schwebte ich doch irgendwo im Wedernoch zwischen Nichtmehr und Nochnicht. Kurz stand die Zeit still, doch da zerstörte auch schon eine Eins die Magie. Ein kurzer Wimpernschlag also war es gewesen, der, so glaubte ich, alles verändert haben musste.

Womöglich war es aber gar nicht der Moment selbst, der Veränderungen mit sich brachte, sondern ein schicksalhaftes Ereignis, das, im Laufe der nächsten Monate, das Jahr auszeichnen und es vom vorherigen abschnippeln würde. „2019, das Jahr als…“, würde ich diesen Satz bald vervollständigen können?

Rational und nüchtern?

Draußen hatte schon zwei, drei Minuten zuvor das Feuerwerk geknallt. Es war, als hätte man sich beeilt, um noch vor dem Jahreswechsel fertig zu werden. Vielleicht hatten die Nachbarn den Vorsatz gehabt, 2019 nicht mehr zu böllern, und eine Möglichkeit finden wollen, die eigenen Restriktionen spitzohrig zu umgehen… Dem gegenüber war, sehr pünktlich, unser Luxussektkorken an die Decke geflogen und ganze dreißig Euro auf den Boden geflossen. Mein Hund hatte sich gefreut.

Ich überzeuge mich oft davon, ein rational denkender Mensch zu sein, der sich nicht von Gefühl und Intuition leiten lässt. Dementsprechend hatte ich mir im Voraus sehr genau Gedanken darüber gemacht, was Silvester für mich bedeutete: nichts.

Silvester ist, wie alle Feiertage, ein Fest der Geschäfte, des Konsums, des Essens und des Trinkens. Die Zeit ist ein Kontinuum und läuft selbstverständlich ganz normal weiter, ohne Ruptur und Einschnitt. Die Grenzen, die wir in ihr betrachten und feiern, sind künstlich und fiktiv. Veränderungen, das müsste ich doch wissen, wären rein zufällig und hätten mit unserem Kalender nichts zu tun!

Mentale Rutsche

Als ich meiner Mutter in die Augen blickte, um Punkt Mitternacht, verstand ich, dass sich mit Rationalität nicht alles abtun lässt. Der Moment ging mir nichtsdestotrotz nahe und wahrscheinlich ist das auch gut so. Denn, wenn die Uhr null schlägt, können wir kurz durchatmen und im Flashback die vergangen 12 Monate Revue passieren lassen. Es gibt immer etwas, das nicht zu unserer Zufriedenheit verlaufen ist. Nun haben wir die Gelegenheit, es hinter und zu lassen und es nicht länger als Gegenwart, sondern etwas Vergangenes zu betrachten. Gleichzeitig können wir einen Blick nach vorn wagen und in uns hineinhorchen. Es ist die Intensität dieses Augenblicks, die uns verrät, was wir wollen, die uns unsere tiefsten Sehnsüchte ins Ohr flüstert. Mit halbherzigen, zerdachten Neujahresvorsätzen hat das nichts zu tun. Diese aufkommenden Wünsche sind spontaner und ehrlicher.

Daran erinnerte ich mich plötzlich, am ersten Januar, nach meiner Niederlage als Frau Holle, und verstand, dass es letztlich nicht um äußere, sichtbare Veränderungen in der materiellen Welt geht. Es geht darum, ob wir innerlich, mental den Rutsch geschafft haben oder noch irgendwo feststecken.