LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Virtual Reality“ (VR) wird immer realistischer - Welche Chancen und Herausforderungen die Experten sehen

Die Zukunft ist virtuell. Oder auch nicht. Genau das ist die Frage, mit der man sich derzeit als Besucher im „Casino Luxembourg - Forum d’art contemporain“ auseinandersetzen kann. Der „Virtual Reality Pavilion“ ermöglicht nach einer ersten Auflage 2017 auch im Rahmen des diesjährigen „Luxembourg City Film Festival“ wieder ein Eintauchen in virtuelle Filmwelten. Diesmal gehen die Organisatoren sogar noch einen Schritt weiter und bieten neben VR-Filmen auch VR-Erlebnisse, bei denen gleich mehrere Sinne angesprochen werden und Interaktion ermöglicht wird. Im Bereich „Virtual Reality“ ist also nicht mehr bloß das Auge gefordert, wird nicht einfach nur ein Headset übergezogen, sondern ist man vielmehr plötzlich als Protagonist mitten im Geschehen.

Über die derzeitigen Möglichkeiten und die absehbaren Entwicklungen sowie die damit verbundenen Herausforderungen diskutierten am Donnerstag international renommierte VR-Experten im „Casino“. Das Rundtischgespräch stand im Zeichen der Frage „Installations et expériences en VR - une nouvelle frontière pour la création culturelle?“.

Rasante Entwicklung

Maßgeblich für die Programmgestaltung des VR-Pavillons verantwortlich war Myriam Achard vom „Phi Centre Montréal“. Ihre Leidenschaft für diese neue Form des „Storytelling“ sei vor rund vier Jahren geweckt worden, als sie „Strangers“ vom „Studio Felix & Paul“ erlebt habe. „Ich habe sofort die Stärke und die Möglichkeiten der VR erkannt. Seither bin ich etwas besessen“, gab sie lachend zu. Die Geschwindigkeit der technologischen Fortschritte sei bemerkenswert. Ebenso rasant verlaufe indes auf Seite der Kreativen die Entwicklung neuer Ideen und Formen.

Moderator Michel Reilhac, übrigens Kurator des VR-Filmfestivals von Venedig und außerdem Chef des „Submarine Channel“ in Amsterdam, zeigte sich ebenfalls beeindruckt von den neuen Möglichkeiten der Geschichtenerzählung. Gleichzeitig ließ er die Sorge mancher Menschen wegen einer möglichen „digitalen Überdosis“ nicht unerwähnt. „Smartphone und weitere digitale Spielzeuge haben einen starken Einfluss auf unser persönliches Leben und somit unser soziales Verhalten genommen. Nicht wenige stellen sich deshalb momentan die Frage, ob diese ganze Technologie gut für uns ist“, gab er zu bedenken. Dennoch mache sich auf der anderen Seite ein großes Bedürfnis nach möglichst authentischen Erfahrungen bemerkbar. Die Realisierung solcher VR-Installationen bezeichnete er als „unglaubliches kreatives Abenteuer“, das man nicht alleine bewältigen könne. „Partnerschaften in den verschiedensten Bereichen sind nötig. Um kreative Teams zu bilden, müssen noch dazu neue Berufe erfunden werden“, erklärte er.

Verkörperung des fiktionalen Charakters

Für Mads Damsbo, Produzent und Gründer des dänischen Produktionsstudios „Makropol“, ist die Verkörperung des fiktionalen Charakters die Zukunft im Bereich der „Virtual Reality“. „Man soll Teil von ihm werden“, sagte er. Kollektivere Erfahrungen seien derzeit eine der größten Hürden. Man müsse sich mit der Frage beschäftigen, wie solche VR-Erfahrungen, mehreren Personen gleichzeitig im selben Raum ermöglicht werden und wie sie miteinander agieren könnten.

Interessant ist, dass beide Welten - also die virtuelle und die echte - in diesen VR-Erlebnissen miteinander verschmelzen. Während man beispielsweise tatsächlich Minigolf spielt, tut man dies auch auf virtueller Ebene. Der Blick durch die VR-Brille verändert die Realität, oder, wie Damsbo es formulierte: „Die Technologie verändert die Art, wie wir die Realität erleben“. „Dinge werden möglich, die im richtigen Leben nicht möglich sind. Eine neue Realität wird angefertigt“, fügte Toby Coffey, verantwortlich für digitale Entwicklung am „National Theatre“ in London, hinzu.

Ausdrucksform auch für Künstler

Aus Luxemburg beteiligte sich das Künstlerduo Karolina Markiewicz & Pascal Piron an der Gesprächsrunde, dies um die Thematik auch aus Sicht der Kunstszene zu beleuchten. „Noch vor einem Jahr waren wir nicht von diesem neuen Genre überzeugt. In der Tat haben wir es erst im vergangenen Juli während eines Workshops entdeckt“, gab Piron zu. „Wegen unseres Backgrounds als visuelle Künstler haben wir eine etwas andere Sicht der Dinge wie Filmemacher. Wir sind nicht an ein bestimmtes Medium gebunden, und wenn wir ein Medium nutzen, dann nicht mit dem Ziel, dies auf die perfekt möglichste Art und Weise zu tun. VR ist für uns eine Ausdrucksform und eine interessante Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren oder zu erschaffen. Dieses Medium ist so neu, dass ja jeder erst einmal damit experimentieren muss. Es gibt nicht DIE richtige Art, damit zu arbeiten. Das ist eine großartige Chance, die letztlich die verschiedenen Kunstfelder zusammenbringen wird, denn jeder will in diesem neuen Sandkasten spielen: Filmemacher, Theaterleute, Musiker und Künstler“, zeigte er sich überzeugt.

Potenzial erkannt

Impulse von den Filmförderern und Eigendynamik bei den Produzenten

International tue sich momentan sehr viel im VR-Bereich, sagt Guy Daleiden, Direktor des „Film Fund Luxembourg“: „Auf der einen Seite gilt es nun, die Produzenten, also die Kreativen in Luxemburg, von dem Potenzial der virtuellen oder erweiterten Realität zu überzeugen, auf der anderen Seite sind aber auch wir als Filmförderer gefordert und müssen Impulse geben“. Er selbst habe sich in den vergangenen Jahren eingehender mit dem Thema befasst, sich informiert, internationale Messen und Seminare besucht, dies um sich ein Bild von der momentanen Entwicklung zu machen.
Finanzielle Unterstützung
„Ich habe festgestellt, dass sich auch hierzulande bei den Produzenten bereits eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat. Mit Olivier Peschs ,Finding Jakob‘ wurde von Samsa inzwischen der erste VR-Film fertiggestellt. Weitere sind auf dem Weg. Es gibt also definitiv ein Interesse bei den Professionellen, dies nicht zuletzt weil der Film Fund auch diese Projekte finanziell unterstützt. Nicht überall in Europa wurde dieser Schritt bereits unternommen“, gibt er zu bedenken. Mit Kanada wurde überdies vor wenigen Tagen ein Abkommen für einen Zeitraum über zwei Jahre unterzeichnet: Jeder der beiden Partner stellt 600.000 Euro zur Verfügung, um teils auch Koproduktionen im Bereich VR zu unterstützen.   Da aber VR auch für den Filmfonds noch relatives Neuland sei, würden Gesprächsrunden mit internationalen Experten wie jene am Donnerstag im „Casino“ Sinn machen. „Welche Entwicklung gibt es? Welche neuen Ideen haben Bestand? Wie finanziert man diese Projekte? Das sind die Themenbereiche, in denen auch wir vom Filmfonds noch dazulernen wollen“, erklärt er weiter. Fünf bis sechs VR-Produktionen seien bislang finanziell unterstützt worden, allerdings müssten die Beihilfen nun in einer nächsten Etappe perfektioniert, also „der Realität angepasst“ werden. „Auf jeden Fall wollten wir dabei sein und zwar von Anfang an und deshalb nicht abwarten, wie sich das Ganze entwickelt“, betont Daleiden. Das Gesetz zur Filmförderung müsse dazu aber nicht extra überarbeitet werden, vielmehr gelte es, die  bisherigen Beihilfen den neuen Gegebenheiten anzupassen. „Die Art und Weise, wie produziert wird, unterscheidet sich ja doch in beiden Fällen“, fügt er hinzu.
Ist VR die Zukunft im Filmbereich?
Der VR-Pavillon im Casino steht indes unter dem Motto: „Le futur sera virtuel, ou ne sera pas!“. Die persönliche Meinung von Guy Daleiden dazu? „VR ist nicht die exklusive Zukunft im Filmbereich, es ist aber ein Weg in die Zukunft. Die Technologie ist zweifelsohne zukunftsträchtig, und zwar in vielen verschiedenen Bereichen, etwa der Medizin oder der Architektur. Es eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Auch im audiovisuellen Sektor erleben wir gerade einen sehr spannenden Moment“, meint er. SIMONE MOLITOR