LUXEMBURG
SVEN WOHL

Gentests liefern Antworten auf zahlreiche Fragen, stehen jedoch auch in der Kritik

Es gibt zahlreiche Emotionen, die eine Geschäftsidee ansprechen kann, um erfolgreich zu sein. Zu den lukrativsten Gefühlsregungen gehört offensichtlich die Neugierde. Dienste wie „23andMe“, „Ancestry.com“ oder „MyHeritage“ haben dies unlängst erkannt und mit neuen Technologien und Wissenschaften verbunden. Ihr Versprechen an die potenzielle Kundschaft: Finden Sie heraus, wo Sie herkommen und lernen Sie ihre Zukunft kennen.

Große Versprechen

Denn sowohl die Vorfahren wie auch genetische Krankheiten wollen diese Angebote für Sie finden. Gegen einen Preis, versteht sich, denn je nach Leistungspacket kommen da schnell 100 bis 200 Euro zusammen. Doch die Tests haben oftmals einen anderen Haken, sofern man sie nutzt, um Gewissheit zur erhalten, was beispielsweise das Brustkrebsrisiko angeht. So erhielt „23andMe“ im März vergangenen Jahres eine Zertifizierung seitens der FDA zur Untersuchung nach Genvarianten, welche Brustkrebs auslösen können. Wie die Editorialisten der „New York Times“ in einem Artikel vom 1. Februar diesen Jahres warnen, bedeutet dies noch lange nicht, dass diese Tests eindeutig sind. So screene das Unternehmen nicht das gesamte Genom der Person. Zudem werden andere Faktoren, wie etwa die Krebs-Familiengeschichte, außen vorgelassen. Insgeheim wird empfohlen, auf jeden Fall einen klinischen Test auf diesen folgen zu lassen, um absolute Gewissheit zu erhalten.

Das Versprechen, umfangreiche Informationen zu liefern, bringt auch bei der Ahnenforschung Tücken mit sich. Im Jahr 2016 gab es einen Social Media-Hype rund um das Video „The DNA Journey”, was diese Dienste in den Mittelpunkt rückte. So wurde in Aussicht gestellt, Rassismus ein Ende zu schaffen, weil niemand „reinrassig“ sei. So weit, so gut, doch das Dumme daran ist: In der Genetik lässt sich nicht festhalten, ob jemand Deutsch, Französisch oder Britisch ist. Auch Behauptungen, dass man die Vorfahren hin bis zu einem Dorf in Afrika zurückverfolgen kann, sind Unfug. Die Datensätze der Unternehmen sowie die wissenschaftliche Basis lassen nur grobe, kontinentale Einschätzungen wie Ost- oder Westeuropa zu. Immerhin kann man aber auch herausfinden, wie viel von einem Neandertaler in einem steckt.

Geld dank Genom

Der Datenschutz ist ein weiterer Kritikpunkt, der gerne aufgebracht wird. Diese Unternehmen sammeln – genauso wie zahlreiche andere IT-Unternehmen – Datensätze. Wird das Unternehmen verkauft, wandern die Daten auch mit. Das erklärt dementsprechend auch die horrenden Summen, die bei einem Kauf eines solchen Unternehmens auf den Tisch gelegt werden. Ein Beispiel: Im Jahre 2016 wurde „Ancestry.com“ für das Sümmchen von 2,6 Milliarden Dollar verkauft. Dass ausgerechnet Google 2006 3,9 Millionen Dollar in das bekannte Unternehmen „23andMe“ investiert hat, lässt da aufhorchen. Die meisten Nutzer stimmen zu, dass diese Unternehmen die Daten an Dritte weitergeben. Und in der Pharmaindustrie lässt sich mit diesen Datensätzen viel Geld machen.

Dabei ausgeklammert sind die üblichen Befürchtungen, wie etwa Hackerangriffe auf die Datenbanken oder die Volatilität eines solchen Unternehmens. Was geschieht mit den Datensätzen, wenn das Unternehmen Konkurs anmeldet? Wer garantiert mir die komplette und gründliche Löschung dieser? Und wer verhindert, dass die Regeln, die das Unternehmen aufgestellt hat, nicht geändert werden? Alles Fragen, die der ungezügelten Neugier einen Riegel vorschieben sollten.sven wohl