LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Yves Conrardy über die Entwicklung des Festivals und die aktuelle Wahrnehmung der digitalen Kunst

Mit der Organisation eines Festivals, das sich mit der digitalen Kunst befasst, hat das Team der Rotondes in Luxemburg gewissermaßen Neuland betreten. Da bis vor wenigen Jahren noch kaum jemand etwas mit diesem Begriff anzufangen wusste, beziehungsweise „digital“ damals noch eher selten in einem Satz in Verbindung mit „Kunst“ genannt wurde, kann man durchaus von einem Experiment mit unsicherem Ausgang sprechen. Das Resultat war derweil positiv, wie Yves Conrardy, zuständig für das soziokulturelle Programm, im Interview erklärt. Was klein angefangen hat, wird inzwischen groß aufgezogen und in Zukunft noch weiter wachsen.

Foto: Yves Conrardy - Lëtzebuerger Journal
Foto: Yves Conrardy

Wie kam es eigentlich dazu, dass der digitalen Kunst in den Rotondes ein ganzes Festival gewidmet wird?

Yves Conrardy Dazu bewogen hat uns in erster Linie ganz einfach die Tatsache, dass es in Luxemburg bis dahin kaum etwas in diesem Bereich gab, auf jeden Fall kein Festival, das sich wirklich ausschließlich mit den Möglichkeiten der digitalen Kunst befasst oder sich mit dem Digitalen in verschiedenen Kunstrichtungen auseinandersetzt. Diese Lücke zu füllen, war demnach die Grundmotivation. 2015 haben wir erstmal mit einer Podiumsdiskussion  und einer Installation von Robert Henke mit Live-Performance angefangen. Dieses Projekt war natürlich nur ein ganz kleiner Teil der ganzen digitalen Kunst. Für mich war es dennoch ein bisschen der Auslöser und die persönliche Motivation, mehr in diese Richtung zu gehen. Im Ausland hatte sich die digitale Kunst damals schon etwas mehr etabliert.

Wussten Sie damals schon, dass tatsächlich viel in diesem Bereich läuft?

Conrardy Wenn man sich etwas genauer damit beschäftigt und im Internet recherchiert, wird schnell klar, dass es einiges gibt. Tatsächlich entdeckt man dann vieles. Das Problem ist allerdings, dass man schnell überall in der Welt bei Künstlern und Festivals landet und nicht unbedingt im Nachbarland. Letztlich gibt es aber auch in der näheren Umgebung ein entsprechendes Angebot, und wenn man danach sucht, findet man es auch. Wir mussten uns eben erstmal in diese ganze Materie einarbeiten, die ja auch für uns ein bisschen Neuland war.

Es war also kein Ding der Unmöglichkeit, Künstler für ein komplettes Festival zu finden?

Conrardy Nein, vorausgesetzt, man schaut sich international um. Es ist aber trotzdem eine andere Herausforderung wie jetzt bei der Organisation eines Musikfestivals, weil es eben doch eine nicht so alltägliche oder so etablierte Kunstrichtung ist.

In Luxemburg gibt es aber auch vereinzelte Künstler, die in diesem Bereich aktiv sind?

Conrardy Ja, Steve Gerges zum Beispiel. Ihn hatten wir bei der ersten Multiplica-Ausgabe 2017 in Rotonde 2 mit einer beeindruckenden „Sound & Light“-Installation im Programm. Mit Laura Mannelli ist auch diesmal wieder eine Luxemburgerin dabei. Sie ist tatsächlich eine der wenigen Künstlerinnen, die wirklich ausschließlich im digitalen Bereich arbeiten. In den Rotondes zeigt sie eine Arbeit, für die sie eigentlich bislang nicht so bekannt ist, die auch für sie ein bisschen ein Experiment ist. Es handelt sich um eine Installation in Verbindung mit einer Tanzperformance. Das Ganze befindet sich derzeit noch im Entstehungsprozess, wird also extra für das Multiplica geschaffen.

Davon abgesehen, werden bei dem Festival ganz verschiedene Formen der digitalen Kunst abgedeckt. Ist es Ihnen wichtig, möglichst viele Facetten zu zeigen?

Conrardy Ja, wir möchten das Publikum möglichst viel entdecken lassen, aber es wäre unmöglich, alle verschiedene Formen, die es gibt, in ein Festival zu packen. Von Ausgabe zu Ausgabe werden wir andere Sachen ins Programm nehmen. Das ist es, was Multiplica interessant macht und auch ausmacht: Jede Auflage ist anders. Digitale Kunst setzt sich letztlich auch sehr mit unserer aktuellen Gesellschaft auseinander. Besonders gut sieht man das diesmal bei Romain Tardy. Bei seiner Installation „The Great Indecision Council“, die in Rotonde 2 zu erleben sein wird, handelt es sich um einen Lichtkreis, in den verschiedene Wörter projiziert werden; übrigens alles Begriffe, die in Luxemburg bei google.lu eingegeben wurden. Dahinter steckt die Überlegung, dass wir unsere Entscheidungen heutzutage immer öfter einer Suchmaschine überlassen, demnach ein Stück unserer Autonomie als Menschen an eine Maschine oder eine Software abgeben. Der kritische Blick auf verschiedene Technologien, die wir im Alltag nutzen, geht zunehmend verloren. Die Präsenz von Computern, in Zukunft auch von Robotern und so weiter, sind Thematiken, die in dieser Kunstrichtung präsenter sind als in anderen.

War die erste Ausgabe vor zwei Jahren gleich ein Erfolg?

Conrardy Das Festival ist eigentlich auf Anhieb angekommen, bei der ersten Edition konnten wir gleich rund 2.000 Besucher zählen. Das hat uns natürlich gefreut. Eine gewisse Angst spielt doch anfangs immer mit, wenn man etwas Neues startet, weil man eben nicht weiß, wie die Leute darauf reagieren, vor allem, wenn es sich um etwas handelt, was vielleicht nicht ganz so zugänglich ist. 2.000 Leute waren aber ganz klar eine gute Motivation, weiterzumachen.

Haben Sie denn das Gefühl, dass diese Kunstrichtung als „richtige“ Kunst wahrgenommen wird? Immerhin handelt es sich doch in gewisser Weise um etwas, was am Computer programmiert wird und somit nicht das gleiche Talent voraussetzt, wie es ein Maler oder Bildhauer haben muss…  

Conrardy Digitale Kunst hat in ihrer bisherigen Geschichte tatsächlich lange Zeit gebraucht, um als eigenständige Kunstrichtung akzeptiert zu werden. Genau mit diesem Vorurteil hat sie zu kämpfen: Ein Computer erzeugt sie, also ist es keine Kunst. Man muss sich aber das ganze Spektrum dieser Kunstrichtung anschauen, die ja unglaublich vielfältig ist: Das reicht von Musikinstallationen über Lichtspektakel bis hin zu audiovisuellen Performances. Inzwischen müssen sich digitale Künstler jedenfalls nicht mehr so rechtfertigen, wie dies noch vor ein paar Jahren der Fall war. Uns geht es darum, das hiesige Publikum neugierig zu machen, es soll sich einfach mal darauf einlassen. Deshalb verzichten wir auch vorerst noch auf ein großes Rahmenprogramm mit Konferenzen, wie sie oft zu solchen Festivals gehören.

Momentan liegt uns daran, diese Künstler und ihre Arbeiten vorzustellen, um letztlich zu zeigen, was es alles gibt. Bei kommenden Auflagen wird das Publikum dann möglicherweise bereit sein, darüber zu diskutieren. Verschiedene Künstler, die wir eingeladen haben, sehen sich selbst übrigens nicht als digitale Künstler, sondern einfach als Künstler, die zwar mit Computern arbeiten, mit Ingenieuren, die ihnen Sachen programmieren oder bauen, aber nicht ausschließlich. Die Grenzen zu anderen Kunstgattungen sind oft fließend und der Computer für sie nur ein Mittel von vielen.

Inwiefern stellt die Organisation eines solchen Festivals das Team vor größere Herausforderungen als beispielsweise die von Konzerten?

Conrardy Die Technik ist ein wichtiger Aspekt. Was die Kreationen anbelangt, so ist die Art und Weise zu arbeiten, eine ganze andere. Es ist komplexer. Bei Konzerten ist der Ablauf immer ähnlich, hier nicht, weil alles weniger genormt ist. Es gibt Installationen, Spektakel, Performances, das heißt, alles ist eine andere Situation und deshalb auch ein ganz anderer Aufwand.