„Angekommen“. „Endlich am Ziel“. Einige Schlagzeilen, die diese Woche die Wahl Jean-Claude Junckers zum neuen EU-Kommissionspräsidenten begleiteten. Eine Kür, die vor allem in die Geschichtsbücher eingeht, weil es das erste Mal in der noch jungen Historie der Europäischen Union ist, da das Europaparlament - die einzige direkt gewählte EU-Institution - das letzte Wort dabei hatte. Der Luxemburger Ex-Premier, der seit über 20 Jahren in Europa an vorderster Front mitmischt, bekam nach einer intensiven Kampagne als Kandidat der konservativen Europäischen Volkspartei, nach einer Europawahl die selbige als stärkste Fraktion im Europaparlament bestätigte und nach einem wochenlangen Gerangel mit teilweisen Tiefschlägen wie sie noch nie ein Kandidat für den EU-Kommissionsvorsitz erlebtet, in geheimer Wahl 422 Stimmen.

Das sind 46 mehr als die erforderliche absolute Mehrheit. Komfortabel gewählt, könnte man sagen. Wobei es sicher wünschenswert gewesen wäre, wenn er noch mehr Rückhalt bekommen hätte. Dass Juncker keine Stimme der nunmehr 170 ausgemachten EU-Feinde bekommen würde, die in Strassburg nichts Anderes als die „Implosion“ der Union erwirken wollen, war evident. Dass einige seiner Parteikollegen und eine Menge Sozialisten ihn hängen liessen, weit weniger. Zu dumm, dass das Europaparlament selbst kein Zeichen für mehr Transparenz setzte und dem Vorschlag des DP-Europaabgeordneten Charles Goerens folgte, das Votum öffentlich zu machen. Das hätte Klarheit darüber geschaffen, auf wen der neue EU-Kommissionschef zählen kann. Denn er wird den EP-Sukkurs in den kommenden Jahren noch bitter benötigen, wenn der von ihm angekündigte „neue Start für Europa“ gelingen soll.

Dazu braucht es allerdings weit mehr als das von Juncker vorgetragene Zehn-Prioritäten-Programm, dem eigentlich erst einmal eine schonungslose Analyse der Fehler der vergangenen Jahre hätte vorausgehen müssen. Zur Umsetzung des Programms wird zunächst mal ein starkes und engagiertes Team benötigt. Zu dem nicht nur 27 (!) kompetente Kommissare gehören müssen, die Europa im Interesse aller Bürger mit aller Macht voran bringen möchten und auch konkrete Resultate in diesem Sinne erzielen. Nur das stärkt das schwindende Vertrauen in die Union! Bei der Auswahl der Kommissare hat wiederum das Europaparlament das letzte Wort. Es muss die Kandidaten diesmal besonders gründlich prüfen und darf nicht zögern, die Notbremse zu ziehen.

Die Staats- und Regierungschefs, die die Kommissare indes designieren, wären gut beraten, in Absprache mit Juncker die fähigsten Leute zu schicken und dem neuen Kommissionspräsidenten freie Hand bei der Organisation der Ressorts zu lassen. Dass das nicht einfach wird, zeigt etwa das Geschacher um den neuen EU-Ratsvorsitzenden und den neuen EU-Aussenbeauftragten, das diese Woche mal wieder ob national- und parteipolitischen Zerwürfnissen ergebnislos zu Ende ging. Was wiederum offenbart, genau wie die immerwährende Diskussion über mehr Mittel für Europa - die Juncker eingefordert hat - dass längst nicht alle Machthaber in den Mitgliedstaaten einen „Neustart“ wollen. „Angekommen“ ist der neue EU-Kommissionschef jedenfalls noch nicht.