CLAUDE KARGER

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs - der für Luxemburg de facto mit der Befreiung Viandens am 12. Februar 1945 nach der blutigen Ardennenoffensive zu Ende ging - liegt noch Vieles im Argen was alles vor, während und nach der über vier Jahre währenden Nazi-Besatzung des Großherzogtums passierte. Der diese Woche veröffentlichte Bericht des Historikers Vincent Artuso zum Umgang der Luxemburger mit der so genannten „Judenfrage“ zwischen 1933 und 1941 bringt Licht in eine Ecke des wohl dunkelsten Kapitels in der Geschichte des Landes. Seine Arbeit belegt nicht nur, dass die nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Luxemburg am 10. Mai 1940 und der Flucht von Regierung und Großherzogin eingesetzte Verwaltungskommission und andere Autoritäten den Besatzern ohne nennenswerte Opposition und sogar oft in vorauseilendem Gehorsam zur Hand gingen, um jüdische Bürger zu identifizieren, zu enteignen und am Ende auszuweisen, was in den meisten Fällen den sicheren Tod bedeutete. Der Artuso-Bericht zeigt auch auf, welchen Einfluss schon lange vor Kriegsbeginn der Rassenwahn in Nazi-Deutschland auf die Politik hierzulande hatte. Nicht nur die Vorgehensweise gegen die jüdische Bevölkerung lässt den Leser erschaudern, sondern auch die Schnelligkeit, mit der sich viele Entscheider in hohen Positionen den Nazis fügten. Wie waren die Einstellungen der Bevölkerung gegenüber Juden und Nazis in dieser Zeit? Was machten Luxemburger Beamte während der Kriegsjahre? Wer meldete sich freiwillig in die Wehrmacht? Wer verriet Opponenten des Nazi-Regimes? Was geschah nach dem Krieg mit diesen Leuten? Was passierte mit den konfiszierten Besitztümern? Wie erlebten die Überlebenden des Holocaust und Zwangsrekrutierte ihre Rückkehr in ihre Heimat? Der Artuso-Bericht selbst beleuchtet längst nicht alle Aspekte der „Judenfrage“. Es bleiben Fragen über Fragen, die einer weiteren Aufarbeitung harren. Eine Aufarbeitung die zum Teil bislang nicht stattfand. Weil der Mensch ohnehin immer dazu tendiert, das möglichst Positive in die Vitrine zu stellen. Weil das Bild der geeinten luxemburgischen Bevölkerung gegen das Nazi-Joch aus politischen Gründen gepflegt werden musste - wie oft wurde in den letzten Jahrzehnten daran erinnert, auch um politische Entscheidungen durchzusetzen? Die Aufarbeitung fand vielleicht auch nicht statt, weil nach dem Krieg Einige trotz einer zweideutigen Einstellung gegenüber den Nazis in hohe Ämter gelangten? Es dauert immer mehrere Generationen, bis alle diese Fragen ohne Tabus unter die Lupe genommen werden können. In Luxemburg ist dieser Moment nun gekommen und es bleibt zu hoffen, dass sich die jetzige Dynamik der Aufklärung und der Erklärung für das, was sich in den letzten Jahrzehnten in Luxemburg zutrug, - nicht nur im Zweiten Weltkrieg, sondern beispielsweise auch im Kalten Krieg - fortsetzt. Das hängt natürlich zu einem großen Teil davon ab, welche Mittel nicht nur die Arbeit der Historiker selbst, sondern auch etwa für die Archivierung und Konservierung der Dokumente auf denen sie - faute de témoins directs - arbeiten und die natürlich - und das ist bei weitem nicht immer selbstverständlich - für sie zugänglich sein müssen. Die Politik sorge dafür. Und lerne vor allem auch, auch mit unbequemen Wahrheiten umzugehen.