Viel Kritik gab es schon seit längerem am Finanzplatz Luxemburg und am Bankgeheimnis, das demnächst gegenüber den anderen EU-Staaten und auch den USA abgeschafft wird. Doch Finanzminister Pierre Gramegna erklärte unlängst im Schweizer Fernsehen, er sehe mehr Licht als Schatten. Es sei höchste Zeit gewesen, das Bankgeheimnis aufzugeben, denn die Nachteile hätten die Vorteile am Schluss überwogen. Nicht die Steuern, sondern Expertise seien das Geheimnis des Luxemburger Erfolges, so Gramegna. Die Diversifizierung des Finanzplatzes ist darum nicht erst seit gestern in aller Munde. Im Klartext heißt das: Neue Kunden und neue Geschäftsfelder.
Das Vermögen privater Haushalte ist laut des „Global Wealth Report 2014“ der Schweizer Großbank Crédit Suisse im vergangenen Jahr auf den höchsten Stand aller Zeiten gestiegen. Vor allem aus China, ein Land, das bald sechs Banken in Luxemburg haben wird, gibt es immer mehr Millionäre. Schon heute ist Luxemburg das führende Zentrum des Private Banking in der Eurozone und hat in diesem Sektor mehr als 300 Milliarden Euro unter Verwaltung. Vermögen über fünf Millionen Euro repräsentieren bereits 63 Prozent der im luxemburgischen Private Banking angelegten Vermögen, während die Zahl der Kunden mit Vermögen weniger 500.000 Euro sinkt. Die Akteure im Land haben dementsprechend das Private Banking adaptiert, und der „Family Office“-Sektor ist der erste regulierte seiner Art in Europa, so die Interessenvertretung Luxembourg For Finance. Nicht zuletzt darum bietet auch die Luxembourg School of Finance seit kurzem einen Studienabschluss als „Master in Wealth Management“ an.
Potenzial für Europas Realwirtschaft
Dass die europäische Vermögensverwaltungsbranche aber keine Sache nur für Superreiche ist, sondern auch bei der Finanzierung der „Realwirtschaft“ eine entscheidende Rolle spielt, betont eine gestern vorgelegte Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY). Europäische Vermögensverwalter halten demnach Schuldverschreibungen, die einem Drittel der gesamten europäischen Bankkreditvergabe und 43 Prozent aller Kredite, die nicht für Wohneigentum vorgesehen sind, entsprechen. Laut dem von EY in Auftrag gegebenen Bericht „Societal and Economic Impacts of the European Asset Management Industry” von Jens Hagendorff, Professor für Finanz- und Investitionsplanung an der Universität Edinburgh, trägt die europäische Vermögensverwaltungsbranche auf Grundlage der Personalkosten, gezahlten Steuern und Gewinnen der Branche pro Jahr schätzungsweise durchschnittlich 0,35 Prozent zum europäischen BIP bei und hat sehr hohes Potenzial, die von Banken hinterlassene Lücke bei der Finanzierung der europäischen Wirtschaft zu schließen. Hagendorff sagt: „Langfristiges Sparen und Risikomanagement stehen im Zentrum der Vermögensverwaltungsbranche. Dies eignet sich für eine langfristige Finanzierung europäischer Unternehmen. So bietet die Vermögensverwaltungsbranche eine entscheidende Verbindung zwischen Investoren und den Anforderungen der Realwirtschaft.
Michael Ferguson, Luxembourg Wealth & Asset Management Leader bei EY Luxemburg, sagt dazu: „Die Größe der Branche ist insbesondere durch die Wachstumsrate erwähnenswert. Beim Vergleich von OECD-Angaben für Großbritannien aus dem Jahre 1980 mit ähnlichen aktuellen Angaben ist ersichtlich, dass die Branche in etwas mehr als 30 Jahren um das Sechsfache gewachsen ist. Dies ist vor allem auf größere, ältere und wohlhabendere Bevölkerungsschichten zurückzuführen.“ Die Vermögensverwaltung sieht er als eine europäische Erfolgsstory, allerdings müsste das auch die Politik erkennen, damit das Potenzial der Vermögensverwaltungsbrache bei der Finanzierung der „Realwirtschaft“ eine größere Rolle spielen könne.
In Großbritannien beispielsweise stellten die von der Vermögensverwaltungsbranche verwalteten Schuldverschreibungen 26 Prozent aller dortigen Schuldverschreibungen und 82 Prozent aller britischen Kreditgeschäfte und 87 Prozent der Kreditgeschäfte ohne Hypothekarkredite dar. Dazu gibt Hagendorff zu bedenken, dass die europäische Vermögensverwaltungsbranche keine kostspieligen Rettungsgarantien benötige und Finanzierungsdienstleistungen entsprechend kostengünstiger als Banken anbieten könne, wodurch große Einsparungen für die Gesellschaft erreicht würden.
Die Branche agiert laut Untersuchung bereits als Verwalter der europäischen Unternehmenslandschaft. Michael Ferguson fügt hinzu: „Die Einschätzung, wie wir als Vermögensverwalter einen bedeutenden und positiven Einfluss auf die europäische Wirtschaft haben, ist von großer Bedeutung für die Rolle, die wir bei der Finanzierung dieser Wirtschaft spielen müssen.“


