LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Vorhersehung im digitalen Zeitalter

Der Römer Boethius (480–525) saß zu Unrecht wegen Hochverrat zu Tode verurteilt im Gefängnis. Dort haderte er verständlicherweise mit diesem Schicksal und schrieb in dieser tragischen Lage eines seiner Hauptwerke: „Der Trost der Philosophie“, um sich in dieser Schrift mit der in der Philosophie viel diskutierten Frage um Willensfreiheit und durchgängige Determination unseres Daseins auseinanderzusetzen. Können wir frei handeln oder ist alles bereits von vornherein in einer göttlichen Ordnung festgelegt? Boethius‘ Fragestellung verschiebt sich allerdings über die etlichen Seiten seiner Schrift ein wenig, sodass sich eher eine Herangehensweise an die Frage herausschält, was es für unsere Willensfreiheit bedeuten kann, dass Gott weiß, wie wir handeln werden. Wenn Gott nämlich weiß, dass eine böse Handlung ausgeführt werden wird, liegt die Verantwortung für diese Handlung dann überhaupt noch beim handelnden Subjekt? Im Wesentlichen wird Boethius das bejahen: Auch wenn Gott meine Taten kennt, bleiben sie frei.

Doch diesem Lösungsansatz geht eine ausführliche Auseinandersetzung voraus, die den Widerspruch in der Vereinbarkeit von göttlicher Vorsehung und freiem Willen thematisiert. Der christlichen Lesart des Mittelalters gemäß, ist Gott das vollkommene Wissen gegeben, er weiß um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Damit etwas wahr sein kann, muss es von Gott vorausgewusst sein, sodass sein Wissen dem Zukünftigen Notwendigkeit gibt. Es muss in der Zukunft so sein, wie Gott es weiß. Werde ich mich demnach heute spontan dazu entscheiden, Eis essen zu gehen und nicht, wie ich es plante, den ganzen Tag am Schreibtisch zu verbringen, wird dadurch, dass Gott dies bereits wusste, das Eisessen dann schon wahr, wenn es noch nicht einmal stattgefunden hat. Ist demnach die freie Entscheidung, etwas anderes zu tun als Eis zu essen, nicht gegeben? Doch, sagt Boethius! Ob etwas notwendig, bei dem vorher bereits gewusst ist, dass es eintreten wird, oder zufällig, bei dem nur eine Möglichkeit besteht, dass es wirklich werden könnte, ist, hängt davon ab, wer sich überhaupt um das Wissen bemüht. Wir Erdenbürger, in unserer menschlichen, allzumenschlichen Beschränkt- und Fehlbarkeit, missen nämlich die unendliche und ewige Einsicht in die Zeit. Wir besitzen in einer sich stets wiederholenden, im Kreise laufenden Zeitbewegung nur einen einzigen Punkt: den der momentanen Gegenwart. Passiert etwas, ohne dass wir dies vorab wissen konnten, bedeutet das nicht, dass dies aus Zufall erfolgte, sondern nur, dass wir keine umfassende Einsicht in das Zeitgeschehen haben, um voraussehen zu können, ob sich etwas zum Zeitpunkt X ereignet oder nicht.

Gott hingegen, der alle Punkte aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig einsieht, sie alle zu seiner Gegenwart macht, weiß demnach vorab um das zukünftige Geschehen, wodurch dem tatsächlichen Ereignis eine Notwendigkeit zukommt. Den Zufall gibt es nur aus unserer Perspektive, nur Gottes Vollkommenheit gibt vollständiges Wissen, so Boethius. Gott weiß, was wir tun werden, bevor wir selbst es entschieden haben.

Sind diese Reflexionen für uns heute noch relevant? Sind es bloße Gedankengänge eines gebeutelten Gläubigen? Keineswegs. Wer über die Naivität des Boethius schmunzelt, der über den allwissenden Gott mit ewiger Zeiteinsicht reflektierte, täte gut daran, auch über die Macht der heutigen allwissenden Instanz nachzudenken. Die Timelines der sozialen Medien, auf denen wir unser Leben seit Jahren digital festhalten, enthalten dermaßen viele Angaben über unser Selbst, dass es anhand von ausgeklügelten Algorithmen ein Leichtes ist, unser künftiges Verhalten einzuschätzen. Das mag vom Interesse an Veranstaltungen bis hin zur Like-Vergabe oder Standortverzeichnissen gehen. Sogar die Onlineaktivität als solche gibt Aufschluss darüber, zu welchen Tageszeiten man besonders digital aktiv ist. So ist auszurechnen, welche Konzerte User X wahrscheinlich besuchen wird oder welche Nachrichtenthemen seine Aufmerksamkeit erregen. Data is money, und deswegen werden genau diese Statistiken und Vorhersagen auch verkauft, an Unternehmen, die auf Entscheidungen ihrer Nutzer angewiesen sind, eventuell auch an Parteien, die ihre Wahlkampagnen somit quasi eins zu eins gestalten können. Wenn bei Boethius das Wissen des lieben Gottes unsere Entscheidungen noch nicht korrumpierte, so verhält sich dies im 21. Jahrhundert bereits ganz anders: Wenn gewusst ist, wie der Kunde bislang dachte und handelte, und statistisch belegbar vorausgesehen werden kann, wie er wohl weiterhin handeln wird, braucht es nur ein smartes Management, um ihm genau das vor die Nase zu halten, was ihm am Attraktivsten erscheint. Zugeschnittene Informationen unterbinden die Entscheidungsfreiheit zwar nicht gänzlich, schmälern aber die Auswahl erheblich. Zudem können sie suggestiv wirken, indem dem Nutzer ganz besonders das gezeigt wird, was er sehen soll, aus welcher Interessenlage auch immer dies resultiert. Dass somit gewollt werden könnte, was gewollt werden soll, stellt ein längerfristiges Risiko dar, dem die Willensfreiheit tatsächlich latent subversiv ausgesetzt sein könnte.

In dem Sinne wäre zur Vorsicht geraten, vor jedweder Instanz, der Einsicht in unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gewährt ist und die daraus einen Nutzen ziehen könnte.