LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Die Krux mit der schulischen Inklusion: Was die Elternvereinigungen FAPEL und ALPEBS auf die Forderungen der Lehrergewerkschaft SNE antworten

Es dauerte nur knapp eine Woche, da gab es die erste Reaktion. In einem offenen Brief an den Präsidenten der Lehrergewerkschaft SNE äußerten sich die Präsidenten von Trisomie 21 Lëtzebuerg, Nëmme mat Eis, Zesumme fir Inklusioun und der „Association luxembourgeoise des parents des enfants à besoins spécifiques“ (ALPEBS) Ende Mai überrascht und zugleich enttäuscht über die Aussage der Gewerkschaft der Grundschullehrer.

Zwar hatte sich das SNE nicht grundsätzlich gegen die schulische Inklusion ausgesprochen. Doch gleichzeitig hatte die Gewerkschaft die alleinige Entscheidungsbefugnis der Eltern infrage gestellt. „Die Entscheidung, um die betroffenen (verhaltensauffällige, d. R.) Kinder aus dem Regelunterricht herausholen zu können, darf in den Augen des SNE/CGFP nicht mehr allein bei den Eltern liegen“, so Patrick Remakel. Sollten vom SNE geforderte „schulinterne Strukturen“ - Teams aus Sozialarbeitern, Krankenpflegern und Sozialpädagogen - nicht greifen, „dann müssen die betroffenen Kinder in schulexternen Strukturen betreut werden können, und das sogar, im Extremfall, ohne das Einverständnis der Eltern“.

Die Präsidentin der „Association luxembourgeoise des parents des enfants à besoins spécifiques“ (ALPEBS, früher ALPEED) warnt angesichts solcher Aussagen vor Rückschritten. „Diese Inklusion wird nur funktionieren, wenn Eltern, Lehrer und Pädagogen zusammen und mit denselben Zielsetzungen in die gleiche Richtung gehen“, erklärt Valérie Hubert auf „Journal“-Nachfrage. Kinder mit spezifischen Bedürfnissen in therapeutische Zentren außerhalb der Schule zu schicken sei ein Angriff auf die Rechte der Kinder auf eine Bildung für alle. Sie verweist auf die von Luxemburg ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention. „Die Therapien müssten im schulischen Milieu stattfinden“, betont Hubert, und Therapeuten das Recht bekommen, in die Schulen zu gehen.

Die Eltern miteinbeziehen

In einer schriftlichen Stellungnahme erkennt der Dachverband der Elternvereinigungen zunächst die Arbeit und Lösungssuche des SNE an „betreffend bestimmte Schwierigkeiten, denen Kinder in ihrem schulischen Parcours begegnen können“. Die FAPEL schließt sich der Überlegung des SNE an, dass politische Entscheidungen und neue Instrumente regelmäßig überprüft werden müssen, „um sich kontinuierlich an die sich verändernden Bedingungen in der Praxis anzupassen“. Dabei bezieht sich der Dachverband auf die im Zuge der Reform des Sonderschulwesens geschaffenen Strukturen wie die Kompetenzzentren, um die Bedürfnisse von Kindern zu ermitteln und ihnen die besten Chancen auf eine Integration innerhalb des Schulsystems zu ermöglichen. Allerdings grenzt sich die FAPEL auch deutlich vom SNE ab. Ihr Präsident Charles Krim unterstreicht „die entscheidende Rolle der Eltern“ und erklärt, dass „alle Beteiligten greifbarere Ergebnisse“ erzielen würden, wenn die Eltern in die Überlegungen miteinbezogen würden, statt ihnen die Entscheidungsbefugnis zu entziehen. „Eine Beeinträchtigung der Autorität der Eltern durch einseitige Entscheidungen, die die Eltern nicht einschließen, würde gegen das Wohlbefinden des Kindes und die Anstrengungen der Hilfsorganismen gehen“, so Krim.

Die FAPEL empfiehlt stattdessen, „die Eltern zu begleiten, um die Schwierigkeiten ihrer Kinder besser zu verstehen, sie zu durch die Berichte der Experten und der verschiedener Beteiligten zu führen, (...) eine Konzertierung einzurichten, die sie (also die Eltern, d. R.) in eine Lösungssuche in aller Ruhe und im übergeordneten Interesse des Kindes integriert“.

Es gibt auch Überschneidungen

Für Valérie Hubert ist die Inklusion, so wie sich heute darstellt, „ein Scheitern für alle“. Die Regierung habe es verpasst, ein Gesetz zu machen, das sich klar für die Inklusion ausspricht. Stattdessen würden Kinder noch stärker diskriminiert „durch wenige oder wenig angepasste Mittel und einen schrecklichen Mangel an Kompetenzen“. „Es ist Zeit, in den Erfolg jedes Einzelnen zu investieren“, fordert Hubert und regt an, sich an Kanada und Finnland zu inspirieren. „Die Eltern dürften nicht länger das Recht auf einen inklusiven Unterricht einfordern müssen“, fügt sie hinzu. Es sei erwiesen, dass die Kompetenzen jedes Kindes in einem inklusiven Unterricht verstärkt würden.

In anderen Punkten gibt es allerdings Überschneidungen zwischen den Elternorganisationen und den Lehrern. Charles Krim schließt sich etwa dem Wunsch des SNE nach flüssigeren Prozeduren an, damit Anfragen von den zuständigen Instanzen schneller beantwortet und Hilfsmaßnahmen Kinder schneller erreichen. Die ALPEBS ist der Ansicht, dass die ESEB-Mitarbeiter in die Schulgebäude integriert werden müssten, um sofort auf Probleme reagieren zu können, was vergleichbar mit einer SNE-Forderung nach mehr Ressourcen in den Schulen ist. Die ALPEBS berichtet von Wartezeiten von vier Wochen oder mehr. Der Verein hält es auch für sinnvoller, die Mitarbeiter der Kompetenzzentren in den Schulen einzusetzen, anstatt dass noch mehr Sonderklassen geschaffen werden.

Wie könnte man das heutige System verbessern? Die ALPEBS-Präsidentin hat etliche Vorschläge zu machen. Eine gründliche Aus- beziehungsweise Weiterbildung der Lehrer im Umgang mit Lernschwierigkeiten und spezifischen Bedürfnissen etwa oder den Lehrern, die das wünschen, eine psychologische Begleitung anzubieten.

Darüber hinaus ist sie der Ansicht, dass im Diagnoseverfahren die Eltern einen Spezialisten, also etwa einen Mediziner aufsuchen sollten und binnen drei Monate ein Gutachten in der Schule vorlegen. Valérie Hubert berichtet von einzelnen Fällen, in denen ESEB-Teams falsche Diagnosen stellten.

Auf dieser Grundlage wäre es dann Aufgabe der I-EBS-Lehrer, zusammen mit dem Klassenlehrer und unter Einbeziehung der Eltern, ein an die Bedürfnisse des Kindes angepasstes Programm aufzustellen, das dann schnellstmöglich umzusetzen wäre. In Form eines Portfolios dann Fortschritte und Verbesserungen dokumentiert. Alle Akteure, die den jungen Menschen begleiten, sollen sich an der Verfassung eines Berichtes beteiligen. Auch den Mitarbeitern der „maisons relais“ Informationen im Umgang mit dem Schüler zu geben sei sinnvoll. Daran fehle es nämlich heute.