CORDELIA CHATON

Wer schon mal an öffentlichen Diskussionen teilgenommen hat, kennt das: Gegen Ende der Veranstaltung dürfen die Anwesenden Fragen stellen. Und dann kommen, die, die sich zu Unrecht nicht beachtet fühlen. Die, die früher mal einen wichtigen Posten hatten, der ihnen heute fehlt, weil der Glanz der eigenen Bedeutung so schmerzlich verblasst. Die, die es nicht aushalten, eine Stunde lang anderen zuzuhören, ohne in sich den unwiderstehlichen Drang zu verspüren, endlich auch etwas zu sagen. Ich nenne sie Me, Myself & I. Bemerkenswerterweise handelt es sich bei solchen Fragestellern immer um Männer.

Sie stellen auch keine Fragen, sondern betreiben eine Art Filibustering, womit jenes stundenlange Totquatschen gemeint ist, mit dem US-Senatoren Abstimmungen verhindern wollen. Bei Terminen in der Handelskammer oder dem Konferenz-Zentrum auf Kirchberg geht es jedoch um weit weniger. Meist fangen diese Ausführungen an mit „ als ich noch Leiter von xy war..“ Das Publikum erstarrt und harrt höflich aus. Es wartet auf die Frage, die nie kommt. Die wenigsten Moderatoren haken nach. Und so leiden alle mit und wundern sich still, warum der Mann keinen Psychater aufsucht oder erst denkt und dann fragt.

Auch auf dem Podium. Dort sitzen in der Regel auch immer Männer, meistens weiß und nicht unbedingt jung, selten wirklich eloquent oder mitreißend. Die Besetzung von Panels findet gerade so statt, als würde die Bevölkerung nicht aus Männern und Frauen bestehen, als gäbe es keine Expertinnen, Fachfrauen, Geschäftsführerinnen oder Forscherinnen. Das 21. Jahrhundert ist bei den Organisatoren noch nicht angekommen. Ob es daran liegt, dass ein Mann zuerst an einen anderen Mann denkt, wenn es um Expertise geht?

Jedenfalls ist es erfreulich, dass sich die Initiative „MyPledge“ aufmacht, das zu ändern. Die Unternehmen, die mitmachen, verpflichten sich, nur an Panels mit mindestens einer Frau teilzunehmen. Noch besser: Zu den ersten Unternehmen, die dich selbst dazu verpflichten gehören PwC, einer der größten Arbeitgeber des Landes, aber auch KPMG, die Kanzlei Allen& Overy, der Startup-Inkubator Tomorrowstreet, die Versicherung Axa oder die Société Générale. Ob es daran liegt, dass die zuletzt genannten von Frauen geleitet werden? Wohl kaum, denn auch Männer - vor allem junge - fühlen sich in gemischten Teams besser. Und bessere Resultate gibt es außerdem.

Durch die jetzt schon bemerkenswerte Unterstützung erhält die Initiative jene Anschubenergie, die sie braucht. Denn auch, wenn einige glauben, der Tag der Frau sei überflüssig, besteht noch reichlich Ungleichheit - gerade auf Podien und Panels. Deshalb ist es gut, dass die Veranstalter ganz pragmatisch vorgehen, eine Datei mit fitten Frauen aufbauen, aber auch Sprechseminare organisieren. Denn so nehmen sie schnell dem Dauerargument: „Ich kenne keine passende Kandidatin“ den Wind aus dem Segel.

Der andere positive Aspekt: „My Pledge“ ist nicht gegen Männer - sondern für ein Miteinander. Das zeigt, dass die Zeite sich ändern. Und mit ihnen vielleicht auch die Fragekultur des Publikums.