ANNETTE DUSCHINGER

Ganz anders als in Deutschland dringt aus den hiesigen Koalitionsverhandlungen nie viel nach Außen. Dicht halten auch die Gambia-Koalitionäre, bevor sie das fertige Regierungsprogramm nicht ihren Parteigremien vorgelegt haben. Nur die allgemeine Ausrichtung in verschiedenen Bereichen wurde bislang skizziert, um die Neugier etwas zu stillen. Das reichte der katholischen Kirche schon aus. Sie meldete sich zu Wort, nachdem bekannt wurde, dass der Religionsunterricht in Grund- und Sekundarschulen durch einen Werteunterricht ersetzt werden soll, dass Nationalfeiertag ein ausschließlich ziviler Staatsakt werden soll und bei der Finanzierung von Glaubensgemeinschaften nun eine Bremse eingebaut werden soll. Die katholische Kirche warf den Koalitionären vor, dass lediglich über Kirchen- und Religionsfragen Entscheidungen nach Außen drangen, genaue Texte noch nicht vorliegen und man nun vor vollendeten Tatsachen stehe. Wenn man noch gar keine Details weiß, warum dann schon die Aufregung?, fragte man sich eher. Denn Überraschungen können es wahrlich nicht sein, wenn man die Wahlprogramme der drei Parteien gelesen hat - schon gar nicht für die Parteigremien. Übrigens hatte auch die CSV in ihrem Wahlprogramm vorgesehen, dass in den Sekundarschulen der Werte- und Religionsunterricht in einem gemeinsamen Werte- und Zivilisationsunterricht zusammengeführt wird.

Die Antwort liegt in den polemischen Botschaften gegen die Koalition, die mehr oder weniger geschickt in der Kritik von Generalvikar Erny Gillen verpackt waren: Die Wortwahl, die Koalitionäre seien „nicht seriös“, der Vorwurf, die wären gar nicht so dialogbereit und partizipatorisch, wie sie tun, die binden ihre Parteigremien doch nicht so ein, wie versprochen und die sind doch gar nicht legitimiert, denn sie vertreten keine 50 Prozent der Wählerstimmen. Das ist schon heftig. Schließlich geht es nicht um Stimmanteile, sondern um Mehrheiten im Parlament. Und dann werden denen, die „nicht einmal auf 50 Prozent der Stimmen kommen“ die 70/60 Prozent entgegengehalten, die den Religionsunterricht in Grund-/Sekundarschule wählen. Ein solch hinkender Vergleich ist wahrlich nicht seriös zu nehmen.

Gestern schoss dann das Schulreferat des Erzbischöflichen Ordinariates zusammen mit den Religionslehrern in einem gemäßigteren Ton nach. Das Recht auf Wahlfreiheit zwischen Religions- und Moral- und Sozialunterricht sollte angesichts der Zahlen, bestehen bleiben. Auch hier wird mit der Mehrheit argumentiert, aber sind wir doch einmal ehrlich: Wie viel hat die Wahl der Eltern und der Schüler mit Glaubensfragen zu tun oder eher mit dem Fest der Kommunion als Familienfest, das ohne Religionsunterricht verwehrt wurde? Und fragt man Sekundarschüler, warum sie den Religionsunterricht gewählt haben, bekommt man gerne die Antwort: „Weil man dort einfacher gute Punkte bekommt.“ Soviel zur Wahlfreiheit. Nun soll man in Zukunft nicht mehr zur Entweder-Oder-Wahl verpflichtet werden, sondern 100 Prozent der Schüler bekommen schlicht Unterricht über 100 Prozent der Wertesysteme. Das ist doch mal Legitimität!