LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Der kreative Kopf der Band Rome: Jérôme Reuter über seine Musik

Die aktuelle Situation erlebt der Musiker Jérôme Reuter wie einen schlechten Tag am Flughafen, der extrem lange dauert. „Man kann nirgends hin, überall sind Kontrollen, genau wie am Flughafen, wo man nichts anderes tun kann, als abzuwarten, bis der Flug geht“, beschreibt er. Dass seine Konzerttour mit Rome abgesagt werden musste, hat dann doch für eine gewisse Frustration gesorgt. Als kreativer Kopf der Band hat er sich bislang aber noch nicht gelangweilt, wie er uns am Telefon erzählt: „Es gibt genug Sachen, die ich mit meinen Partnern, etwa Plattenfirma oder Bookern, über Telework vorbereiten kann“.

Auf der anderen Seite seien jedoch viele Konzerte geplatzt, was selbstverständlich nicht ohne Auswirkungen bleibt. Und damit sind nicht nur die Gagen gemeint, die jetzt nicht gezahlt werden. „Unser nächstes Album kommt im August raus, und das können wir nun natürlich auch nicht wie geplant bei Konzerten promoten. Das sind Einbußen, die man nicht wirklich kalkulieren kann. Die Platte veröffentlichen wir zwar so oder so, aber wenn man sie den Leuten nicht selbst bei Konzerten vor die Nase hält, verliert dies massiv an Einfluss. Das ist mit einem Verlust verbunden, den man nicht in Zahlen festhalten kann“, gibt er zu bedenken. Die Haupttour, die Rome durch 35 europäische Staaten führt, startet zum Glück erst im Herbst.

Neues Album mit Metal-Musikern

Die Zeit nutzt Jérôme Reuter nun, um an neuem Material zu arbeiten, sodass das für nächstes Jahr geplante Album möglicherweise früher als vorgesehen erscheinen könnte. Doch jetzt dürfen sich die Fans erst einmal auf Album Nummer 14 „The Lone Furrow“ freuen. Worauf genau? „Auf viele Überraschungsgastauftritte“, antwortet der Singer-Songwriter. „Wir haben diesmal mit Leuten aus der Metal-Szene zusammengearbeitet, was neu für uns ist. Was wir mit Rome machen, ist ja relativ düster, aber nicht unbedingt hart, trotzdem funktioniert es auch im Metal-Bereich, sodass sich das gut vermischen ließ. In diesem Sinne hebt sich das Album also schon von den Vorgängern ab, alleine durch den Fakt, dass viele Gastmusiker beteiligt sind. Normalerweise mache ich alles selbst oder mit ein paar ausgewählten Kollegen, aber ich bin immer der Chef und habe meine Vision. Auch dieses Album habe ich genauso gemacht, wie ich es sowieso machen wollte, nur dass diese Leute etwas beigesteuert haben. Das hat sich jetzt aber nicht wesentlich auf die Musik selbst ausgewirkt“, erklärt er.

Von Ovid bis Orwell

Thematisch hat jedes Rome-Album einen anderen Schwerpunkt. „Diesmal ist es der Versuch, verschiedene lyrische und literarische Traditionen von der Antike, von Ovid bis George Orwells ,1984´ nachzuzeichnen. Musikalisch reicht es von ganz ruhigen bis zu aufwühlenderen Sachen. Wie das bei Rome üblich ist, treffen verschiedene Stile musikalisch aufeinandertreffen, dennoch gibt es einen roten Faden“, unterstreicht Reuter. Der rote Faden sei stets elementar, besonders für den Schreibprozess. „Es hilft mir beim Schreiben, wenn ich zunächst ein präzises Thema oder ein Konzept habe. Das kann am Anfang auch einfach die Idee sein, bestimmte Instrumente einzusetzen. Man sollte sich selbst jedenfalls künstlerisch keine Grenzen setzen, sonst riskiert man, sich zu wiederholen“, weiß er aus langjähriger Erfahrung.

Ein Zufallsprodukt

Rome gibt es nun seit 15 Jahren, doch Jérôme Reuter selbst ist seit dem Teenageralter in der Musikszene unterwegs. Die Gründung von Rome – abgeleitet übrigens von seinem Vornamen - sei eher Zufall gewesen. „Ich habe in vielen unterschiedlichen Bands gespielt, die sich dann irgendwann auflösten, weil den Leuten die Zeit fehlte, oder auch die Motivation, da der große Erfolg ausblieb. Als die letzte Band in die Brüche ging, lebte ich in Deutschland unweit des Studios eines Freundes. Da ich bereits ein paar Lieder geschrieben hatte, in einem Genre, das ein bisschen fremder war, habe ich wirklich nur für den eigenen Spaß angefangen, mich ein bisschen im Studio zu amüsieren. Und dann gab es tatsächlich Interesse von Plattenfirmen, das herauszubringen. Das war der Anfang von Rome als Ein-Mann-Projekt. Erst Jahre später hat sich das dann auch in einer Live-Form wiedergefunden“, erzählt der Musiker.

Und was zeichnet Rome heute aus? „Durch die akustische Gitarre als Hauptinstrument steckt immer ein Folk-Element drin. Auch ein gewisser Singer-Songwriter-Appeal gehört dazu, da mir Leute wie Nick Cave und Leonard Cohen als Vorbilder dienten. Das Ganze ist gleichzeitig kombiniert mit Sachen aus der Punk- und Postpunk-Bewegung. Es ist an sich eine Schnittmenge aus vielem. Ein Schwerpunkt bei Rome sind ganz klar literarische Einflüsse, weil ich selbst sehr an Literatur und Geschichte interessiert bin“, beschreibt Reuter.

Produktiver Künstler

14 Alben in 15 Jahren sind schon eine immense Leistung. Woher kommt diese Produktivität? „Ich habe den großen Vorteil, dass ich allein bin. Es ist demnach keine demokratische, kreative Arbeit, wo mehrere Leute auf einen Nenner gebracht werden müssen und die beste Idee schließlich gewinnt. Da ich die einzige treibende Kraft bin, kann ich schneller arbeiten. Live treten wir als Band auf, können uns dann als Gruppe voll auf diesen Job konzentrieren, aber den ganzen Part mit Schreiben und Aufnehmen mache ich in Alleinregie. Das spart sehr viel Zeit, und es macht mir natürlich enorm Spaß. Ich lese viel, wodurch ich immer wieder neue Ideen bekomme, und deshalb bin ich kaum zu bremsen“, lacht er.

Steigen die Erwartungen, die man an sich selbst stellt, eigentlich mit jedem neuen Album? Oder der Druck von außen? „Theoretisch schon, wenn einem das nicht egal wäre“, grinst der Künstler. „Wenn man ein Album gemacht hat, das extrem gut ankam, hat man das schon im Hinterkopf, wenn man an einer neuen Platte arbeitet. Ich bin mir aber sicher, dass das neue Album den Test besteht. Für mich ist es genauso, wie es sein soll. Und es steht ja auch nicht im direkten Wettbewerb zu den Vorgängern. Es ist anders und hat seinen Eigenwert. Ich bringe nie etwas heraus, wovon ich nicht 100 Prozent überzeugt bin. Die Leute, die Rome mögen, wissen, dass es bei mir einen rigorosen Zickzack-Kurs gibt, das heißt, dass man nicht immer dasselbe aufgetischt bekommt“, verdeutlicht der Musiker.

„Live aus der Stuff“ am 20. April

Am 20. April wird Jérôme Reuter derweil solo im Rahmen der Facebook-Initiative „Live aus der Stuff“ auftreten. Einen genauen Plan, was er den Leuten vor den Bildschirmen dann auftischen will, hat er noch nicht. „Ich habe einen großen Fundus an Liedern, die nur mit akustischer Gitarre und Stimme funktionieren. Einen riesigen Aufstand werde ich darum aber jetzt nicht machen. Für mich soll das ein bisschen einen brachialen, improvisierten Charakter behalten“, meint er.

Weitere Infos unter www.rome.lu und tinyurl.com/RomeLiveStuff