LUXEMBURG
GEORGES JACOBS

„Tabu“ ist etwas, das „nicht dazugehören darf“. In diesem Sinn ist das Urteil unserer modernen Gesellschaft über die Sexualität eindeutig: Sexualität gehört zu einem normalen Leben nicht hinzu, sie verdient weder Anerkennung, noch Schutz, noch Hilfe. Bewiesen wird dies eindeutig durch die Weigerung der luxemburgischen Gesundheitskasse, auch nur einen Cent für die Behandlung der häufigsten sexuellen Probleme beizusteuern. Als Beispiele solcher Probleme zitiert Dr. Georges Jacobs, neben der männlichen Impotenz, die „ejaculatia praecox“ und die hormonellen Probleme der Frauen in den Wechseljahren. 

„Alle aufgeklärten Bürger sind sich inzwischen darüber einig, dass eine erfüllte Sexualität für die psychische und körperliche Gesundheit der meisten Menschen von großer Bedeutung ist. Obschon unsere Gesellschaft sich als aufgeklärt und offen darstellt, hat sie offensichtlich Probleme, mit körperlichen Freuden umzugehen. Bis vor kurzem war die Darstellung erotischer Handlungen von Menschen über 60 in der amerikanischen Filmindustrie ein absolutes Tabu.

Mit dem Recht auf Bildung, Arbeit und Freizeit hat niemand ein Problem. Geht es aber um die Beschaffung ‚erfüllender Freude‘ dominieren bei den meisten Bürgern der westlichen Zivilisation neidvolle Schuldzuweisungen. Es ist eben dieser Umstand, den ich hinterfragen will. Während über tausend Jahren stellte die Lustfeindlichkeit in unserem Kulturkreis die Haupttugend dar und diese stellte ein Hauptstandbein der Machtausübung dar. 

Obschon wir inzwischen wenigstens ein halbes Dutzend Aufklärungswellen erlebt haben, traut sich noch immer kaum jemand das Kind mit dem Namen zu nennen: Die Lustfeindlichkeit unserer Kultur hat unendliches Unheil angerichtet und dieses Unheil nimmt noch immer kein Ende. Die Vergewaltigung der menschlichen Natur durch die Mächtigen sorgt auf der einen Seite dafür, dass Millionen von Menschen das verwehrt wird, was bereits Goethe als universelles Gottesgeschenk darstellte: ‚Wollust ward (sogar) dem Wurm gegeben!‘ Auf der andern Seite trägt dieselbe Vergewaltigung dazu bei, dass millionenfach Kinder missbraucht werden. 

Die Anerkennung erfüllender Sexualität als erstrebenswertes Ziel durch die Gesellschaft würde einen bedeutenden Paradigmenwechsel darstellen. Ein finanzieller Beitrag derselben Gesellschaft für die Behebung krankheitsbedingter Probleme wäre ein wichtiger erster Schritt.

Das Ziel der Petition 976 ist, die sexuelle Impotenz als schwerwiegendes gesundheitliches Problem von der Krankenkasse anerkennen zu lassen. Eine erfüllte Sexualität ist von sehr großer Bedeutung für die psychische und körperliche Gesundheit der meisten Menschen. Mehrere Krankheiten können eine solche erfüllte Sexualität verhindern, etwa neurologische Krankheiten, Gehirninfarkte, Diabetes, hoher Blutdruck, Depressionen, Prostataerkrankungen, Herz- und Kreislauferkrankungen. 

Diejenigen, die sexuelle Probleme haben, leiden doppelt: Zuerst durch ihr Problem und dann durch die Weigerung der politischen Autoritäten, die Schwere des Problems anzuerkennen. Es geht bei dieser Petition nur am Rande um eine finanzielle Problematik. Es geht auch nicht im Geringsten darum, der ‚männlichen Sexualität‘ einen besonderen Stellenwert einzuräumen. Das Ziel der Petition besteht darin, darauf hinzuweisen, dass Sexualität für Menschen, die auf diesem Gebiet aktiv sein wollen, etwas Normales ist, etwas, das es verdient, dass die Gesellschaft es anerkennt.“