NIC. DICKEN

Mit Würde, aber auch viel Pomp, Pathos und Symbolik wurde über das vergangene Wochenende hinweg in Frankreich an die „Grande Guerre“, den in den Geschichtsbüchern als 1. Weltkrieg registrierten Waffengang von 1914 bis 1918 erinnert, der vor allem in Europa, aber nicht nur dort, eine deutlich zweistellige Millionenzahl an Todesopfern, Soldaten und Zivilpersonen, gefordert hatte. Von den vielfältigen „Kollateralschäden“ wie Millionen Verletzte, Verstümmelte, erhebliche Verwüstungen und daraus folgenden tragischen Lebensverhältnissen nicht zu reden.

Dazu kommt die völlige Sinnlosigkeit dieses in der Geschichte bis dahin einmaligen Gemetzels, dieser nie gekannten Zerstörungswut: Die Historiker sind sich längst einig darüber, dass es den 1. Weltkrieg gar nicht hätte geben müssen oder dürfen.

Die wohl schlimmste Konsequenz daraus aber war - und hier liegt die eigentliche Tragik der Geschehnisse von 1914 bis 1918 - der auf direktem Weg folgende Übergang zum 2. Weltkrieg, der eine noch stärkere Zerstörungswelle auf gleich mehreren Kontinenten auslösen sollte. Im Eisenbahnwaggon von Compiègne wurde am 11. Oktober 1918 wohlgemerkt ein Waffenstillstandsabkommen mit vernichtenden Bedingungen unterzeichnet, ein Friedensabkommen gab es genau so wenig wie 1945: Ende oder Fortsetzung offen?

Leider ja! Wohl rühmt sich Europa gerne - und nicht mal zu Unrecht - damit, durch die Schaffung einer neuen Staatengemeinschaft das frühere Kriegsgespenst über mittlerweile mehr als 70 Jahre hinweg vom Kontinent gebannt und den Menschen dauerhaft Frieden und Wohlstand gebracht zu haben.

Was nur teilweise stimmt: Auf dem Balkan, im Donbass wurde und wird weiter geschossen. Und weltweit gebannt wurde das Kriegsgeschwür schon gar nicht: Von Korea über Vietnam, den Nahen und Mittleren Osten und Afrika bis nach Mittelamerika hin fanden und finden immer noch und immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen statt, bei denen die „zivilisierten Staaten“ diesseits und jenseits des Atlantiks zumindest mittelbar beteiligt waren und sind.

Auch wenn heute europäische und nordamerikanische Staaten nicht mehr direkt in kriegerische Auseinandersetzungen impliziert sind - von so genannten „Friedenmissionen“ einmal abgesehen -, so lässt man sich doch immer wieder gerne auf einträgliche Waffengeschäfte ein, die je nach Standpunkt und politischer Konstellation mal der einen oder mal der anderen Seite zugebilligt werden - „business as usual“!

Dass aus den kriegerischen Massakern der Vergangenheit wirklich Lehren für die Gegenwart und für die Zukunft gezogen worden wären, lässt sich beim besten Willen nicht sagen.

Das belegen auch konkrete Verhaltensweisen so genannter Staatenlenker, die bei der Zeremonie in Paris am Wochenende erste Ehrenplätze beanspruchten. Donald Trump passte das Wetter am Samstag nicht, um einen Besuch auf einem amerikanischen Soldatenfriedhof vorzunehmen. Soviel zu Dank und Ehrerbietung für Kriegsgefallene.