NIC. DICKEN

Die Zeit der „starken Männer“ schien vorbei, nur vereinzelt noch zeigten sich Gestalten wie Putin oder einige Stammesdiktatoren in Afrika als letzte Überbleibsel einer verflossen geglaubten Epoche, die ohnehin, für die meisten Zeitgenossen, die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nicht hätte überleben dürfen.

Und nun das! Allenthalben zeigen sich in West-, Mittel- und Osteuropa neue „starke Männer“ (und „Frauen“), die, offensichtlich nicht ganz zu Unrecht, auf die Vergesslichkeit der Menschen gesetzt haben und sich in der tumben Unzufriedenheit der „Vergessenen“ und „Verlassenen“ suhlen. Im Schatten eines neu erwachten Nationalismus, der in der Verärgerung über einen wuchernden Dschungel immer neuer Verordnungen und Vorschriften internationaler Vereinbarungen gründet, haben sich allenthalben in Europa, von Frankreich über Niederlande, Deutschland, Österreich, Italien Ungarn bis Polen wieder jede Menge Rattenfänger zusammengerottet in der erklärten Absicht, dem „echten Volk“ wieder Stimme und Gehör zu verschaffen.

Genau die gleiche Rechnung ist jetzt auch in den Vereinigten Staaten von Amerika aufgegangen, wo nach einer ganzen Reihe demokratisch gesinnter Präsidenten vor einigen Tagen erstmals wieder ein „starker Mann“ das Ruder übernommen hat, der zwar vorgibt zu wissen, welchen Kurs er steuern will, der aber bislang den Nachweis für jegliche nautischen Kenntnisse schuldig geblieben ist. Nach dem für völlig unwahrscheinlich gehaltenen Brexit ist nun eine weitere „Unwahrscheinlichkeit“ zur Realität geworden. Unter tatkräftiger Mithilfe der Nichtwähler, an deren guter Gesinnung wir nicht zweifeln, ist Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA geworden und will jetzt mit dem „Establishment“ abrechnen, das ihn, den schnöden Mammon-Adepten, trotz materieller Reichtümer nicht in seinem vermeintlich elitären Kreis akzeptieren mochte.

Erinnerungen werden wach an eine unselige Zeit Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Auch damals gelang es einem ungelernten Politiker, den viele als harmlosen Schreier belächelten, mit einfachen Argumenten und frustbedingten Beschuldigungen an die Adresse der Staatenlenker, die Massen auf seine Seite zu bringen. Was er daraus machte, haben nachher alle „nicht gewusst“ ...

Auch damals musste zuerst, über einige Jahre hinweg, die kritische Presse „gleichgeschaltet“ werden, auch damals stand „die Macht des Volkes“, das später ohne Rücksicht auf Verluste verheizt wurde, im Mittelpunkt des vorgeblichen Bestrebens. Sogar die auf der Empore des Washingtoner Kapitols gebrauchte (drohende) Rhetorik und die damit verbundene Gestik rufen Erinnerungen wach an Zeiten vor gerade mal 90 Jahren.

Jetzt mögen manche verständnislos den Kopf schütteln. Aber bis zur Reichskristallnacht mochten auch in Europa seinerzeit nur die wenigsten im Machtgehabe der Nazis keine echte Gefahr erkennen. Nun gut: Trump’s Vorfahren stammen nicht aus Österreich. Aber ansonsten bleiben Vorsicht und sparsamer Umgang mit Hofierung durchaus angebracht. Wehret den Anfängen!