LUXEMBURG
CORDLEIA CHATON

Sandrine Gashonga ist mit ihrer Familie vor dem Genozid hierher geflüchtet

Es vergeht kein Tag, an dem Sandrine Gashonga nicht an Ruanda denkt. Das Land, in dem sie geboren ist, in dem sie mit ihrer Familie gelebt hat. Das Land, aus dem sie vor dem Genozid geflüchtet ist. Damals lebte sie mit ihrer Familie in der Hauptstadt Kigali. Im Erdgeschoss des Gebäudes, in dem sie wohnten, hatten extremistische Hutu ihr Quartier aufgeschlagen. Eigentlich hätte ihre Familie sich sicher fühlen können, schließlich gehörten sie den Hutu an. „Aber mein Vater setzte sich für Versöhnung ein“, erzählt Sandrine, die damals 16 war. Damals war die ethnische Zugehörigkeit noch im Pass vermerkt. Die Situation wurde immer gefährlicher.

Das französische Lycée, das Sandrine besuchte, schloss seine Türen. Ihre Mutter wollte sie aus Angst ohnehin nicht mehr zur Schule lassen. „Wir waren gerade dorthin umgezogen und hatten noch kein Telefon“, erinnert sich die jung wirkende, heute 41-Jährige. Aber sie schafften es dank Sandrines Bruder, sich über die Leitung der Nachbarn Anschluss zu verschaffen und Hilfe von außen zu kontaktieren. Die Familie wurde in eine Sicherheitszone gebracht. Sie leben einen Monat in einem Hotel, das von Blauhelmsoldaten bewacht wurde, bevor sie von den UNO-Soldaten in ein Flüchtlingscamp nach Uganda gebracht werden. Eine Tante, die in Italien lebte, half ihnen, dorthin zu kommen. Die Eltern, sechs Kinder und ein Neffe sind bereit. Doch ihr Vater will nochmal kurz in Ruanda nach dem Rechten sehen - und kehrt nie zurück. Bis heute ist unklar, was passiert ist. Von Italien wollen die Gashongas nach Belgien, wo viele Ruander leben, aber ihr Asylgesuch wird abgelehnt. Über Ordensschwestern aus Luxemburg, die Sandrine in Ruanda kennengelernt hat, kommt sie im Land an, als sie 20 Jahre alt ist. Da hat sie vier Jahre Flucht hinter sich.

Es ist Winter und die Stadt im Schnee erscheint ihr wie eine Märchenwelt. Sandrine drückt die Schulbank mit anderen, die fünf Jahre jünger sind, studiert in Nancy und Lille. Zurück in Luxemburg findet sie mit Hilfe der „Association de Soutien aux Travailleurs Immigrés“ (Asti) Arbeit und nimmt die Luxemburger Staatsbürgerschaft an. „Heute fühle ich mich europäisch. Und wenn ich im Ausland bin, dann fühle ich mich als Luxemburgerin“, sagt sie. Doch das alles hat lange gedauert, es gab einen langen Schwebezustand.

Nach Ruanda ist Sandrine nie wieder gereist. Eine ihrer Schwestern war dort, kehrte aber nach drei Monaten desillusioniert zurück. Eine andere starb 2018 an Depressionen. Die Vergangenheit ist immer gegenwärtig. „Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Ruanda denke“, sagt sie leise. Ihre alte Heimat scheint ihr wenig verlockend. „Dort herrscht keine Pressefreiheit und es gibt immer noch Schwierigkeiten, selbst wenn die wirtschaftliche Situation besser ist“, meint Gashonga. Auch auf ihre Berufswahl und Freizeitgestaltung hat ihre Geschichte Auswirkungen. Heute gibt sie Kurse für interkulturelle Identität und Kultur sowie Konfliktmanagement beim „Centre d´Information Tiers Monde“ (CITIM). Bei Amnesty International setzt sie sich für Menschenrechte ein. „Es gibt einen rezenten Bericht der EU, der zeigt, dass der Rassismus noch stark ist. Luxemburg ist unter den ersten drei Ländern“, bedauert sie. „Die Hautfarbe ist hier immer ein Thema.“ Gashonga würde sich wünschen, dass die Regierung hier aktiver wird.

Der 25. Jahrestag des Genozids hat für sie durchaus Bedeutung. „Dann kommen die Erinnerungen wieder hoch, vor und während des Kriegs. Manchmal sind es auch Dinge, die ich längst vergessen hatte. Oft denke ich an die Panik der ersten Tage nach dem Flugzeugabsturz, an die Schüsse und Schreie, während niemand wusste, was los war.“ Sie ist dankbar für das Glück, das ihre Familie hatte. „Als wir im Hotel auf die Ausreise warteten, landete eine Rakete im Nachbarzimmer. Das Leben hängt an einem seidenen Faden.“

Das Leben in Ruanda heute sei nicht einfach. „Nachdem, was ich höre, ist die Zugehörigkeit zu Hutu oder Tutsi tabu. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich beendet ist.“ Auch in Luxemburg gäbe es nicht eine Gemeinschaft von Ruandern, sondern zwei - ethnisch getrennte. „Von klein auf habe ich immer gehört: Hutu tun dies, Tutsi sind so. Aber dann habe ich gemerkt, dass das gar nicht stimmt. Jetzt exportiert man durch die Flucht die Probleme.“ In Ruanda selbst gebe es keine wirkliche Opposition. Frauen müssten heimlich abtreiben, Vergewaltigung in der Ehe sei ein Thema von vielen. Doch: Die Franzosen hatten einen Versöhnungsversuch gestartet - und Ruanda ist jetzt Teil der „Organisation International de la Frankophonie“. „Immerhin“, sagt Gashonga. „Seither sind die Beziehungen ruhiger.“

Lëtzebuerger Journal

„Ein Leben ohne Angst“

Die Ruanderin Marie Grace Mukabyajagu hat die Zeit vor dem Genozid, aber auch die Wandlung danach miterlebt


Marie Grace Mukabyajagu ist Ruanderin und hat alles miterlebt, die Zeit vor dem Genozid an den Tutsi, aber auch die danach. Über den Serviceclub Soroptimist hat sie Kontakte zu Luxemburg. Uns erzählt sie, wie ihre Heimat sich verändert hat.

„In Kigali ist das Leben ganz anders als zuvor. Das ist eine 180-Grad-Wendung. Vorher, vor 1994, gab es Leute, die versuchten, die anderen zu dominieren, zu unterwerfen. Es war ein Klima des ständigen Terrors. Wir hatten damals alle Angst um unser Leben. Wir wussten ja nie, was kommt. Schon vor 1994 gab es den Krieg der Infiltrierten im Norden an der Grenze. Heute fürchten wir uns nicht mehr. Jetzt schlafen wir, arbeiten und machen Pläne ohne Angst. Die Veränderung kam nicht sofort, nach 1994 hat es noch rund vier Jahre gedauert.

Ich bin Tutsi und seit 33 Jahren mit einem Hutu verheiratet. Wir haben fünf Mädchen. In meiner Familie spielt ethnische Zugehörigkeit keine Rolle. Meine Eltern haben mich sehr offen erzogen. Daher konnte ich auch meinen Mann treffen und seinen Charakter schätzen. Unsere Kinder haben wir auch so erzogen. Wir schauen nicht auf das Äußere und im Pass steht heute nichts mehr. Für meine Kinder ist das selbstverständlich, das sehe ich an ihrem Umgang, ihren Freunden. Sie kennen viele Leute.
2003 hat mich eine Freundin zu den Soroptimisten mitgenommen. Wir waren auch zusammen in einem anderen Klub. Anfangs fand ich das nicht so toll. Aber dann habe ich gesehen, dass es interessant ist, ein Projekt unter Frauen. Mein Mann hat mich unterstützt und ermutigt. Ich habe alle Unterlagen gelesen und so bin ich dazu gekommen. 2007 wurde ich zur Präsidentin des Klubs in Kigali gewählt.
Wir haben hier in Nyarugunga, einem Vorort von Kigali, die Schule San Marco aufgebaut, die 488 Schüler besuchen. Wir decken alles ab von der Grundschule bis zur Première. Da die Schüler größer werden, mussten neue Schulräume her. Man hat mir das Projekt des Neubaus übertragen, weil ich mit meinem Mann zusammen ein Bauunternehmen habe, bei dem ich mich um die Leitung kümmere. Die Luxemburger Regierung hat uns drei Klassenräume finanziert. Wir führen auch andere Projekte durch. Beispielsweise haben wir Architekturstudenten aus Italien hier gehabt, die mit den hiesigen Studenten an neuen Methoden wie den Einsatz von Bambus im Bau gearbeitet haben. Wir wollen auch der Landbevölkerung andere Kultivierungsmethoden nahebringen. Deshalb brauchen wir das Zentrum für berufliche Fortbildung.

Frauen in Ruanda erleben eine spezielle Situation. Die Regierung hat alles getan, um sie zu fördern. Es gibt einen nationalen Frauenrat und vieles mehr. Aber das Beste, was sie gemacht haben, war, den Frauen Selbstvertrauen zu geben, ihnen klar zu machen, dass sie alles genau so gut können wir Männer. Sie haben angefangen zu arbeiten und jetzt herrscht Gleichberechtigung. Einige Männer sind jetzt sogar neidisch, weil sie denken, die Frauen hätten mehr zu sagen. Aber das stimmt nicht. Ich bin stolz auf das, was wir hier machen.“