PATRICK WELTER

Es geht weder um einen internationalen Friedensvertrag, noch um die Fusion zweier Weltkonzerne, sondern um die Bildung einer deutschen Bundesregierung. An den dafür notwendigen Koalitionsverhandlungen nehmen 75 Unterhändler aller drei Parteien CDU, CSU, SPD teil. Unterteilt in so und so viel Untergruppen und Arbeitskreise. Offenbar hat sich die latente Entscheidungsverweigerung von Mutti Merkel auf ihre unmittelbare Umgebung und ihren zukünftigen Koalitionspartner ausgeweitet - das kann ja auf Dauer lustig werden.

Bis Weihnachten will man eine Regierung haben. Bei diesen Zeitvorgaben ist der geneigte Politikbeobachter veranlasst, an belgische Verhältnisse zu denken. Dabei ist die Ausgangslage in Berlin doch viel einfacher, im Grunde verhandeln dort drei sozialdemokratische Parteien miteinander, die sich nur in Nuancen unterscheiden. Was alle drei auf das Heftigste bestreiten, Sigmar Gabriel (SPD) will nicht in die Nähe Horst Seehofer (CSU) gerückt werden, wahrscheinlich nicht mal Mutti Merkel. Steinbrück (SPD) und Schäuble (CDU)sind die zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Dass es auf eine große Koalition hinauslaufen wird, war eigentlich schon am Wahlabend klar. Die ungeliebten Karrieristen der FDP waren weg vom Fenster und so konnte es in die Richtung laufen die hohe CDU-Funktionäre schon lange vor den Wahlen wollten: Schwarz-Grün oder Schwarz-Rot. Rot-Rot-Grün war nur eine theoretische Variante. Die SPD wird sich in den nächsten zwanzig Jahren nicht trauen mit der „Linken“ zu koalieren. Was im deutschen Osten toleriert würde, wäre im Westen der Super GAU für die Glaubwürdigkeit der Partei. Die andere Möglichkeit, die es realiter auch nicht gab, war Schwarz-Grün. Wobei diese Koalitionsidee nicht an der CDU, nicht mal an ihrem bayerischen Ableger CSV, scheiterte oder scheitern musste, sondern am altlinken Flügel der Grünen. Die so genannten Fundis haben immer noch ein Brett aus nachhaltigem Anbau vor dem Kopf was die Zusammenarbeit mit „bürgerlichen“ Parteien angeht. Dabei ist keine Wählerschaft so bürgerlich wie die Grüne: Hochgebildet und gut verdienend. Am Rande: Die Grünen Verluste sind darauf zurückzuführen, dass die Ideologen um Herrn Trittin ihre eigene Stammwählerschaft zur Steuerschlachtbank führen wollten. So doof sind nicht einmal Diplomsoziologen.

Es gab also schon am Abend des 22. September keine realistische Alternative zur großen Koalition - warum verhandelt man dann bis zum Sankt Nimmerleinstag? Dass die Christ- und Sozialdemokraten gut zusammen arbeiten können, haben sie schon 2005 bis 2009 bewiesen.

Also woran liegst es? Haben die Sozialdemokraten Angst, wieder die Zeche zahlen zu müssen oder schlimmer noch: Fürchten sie, das ihre eigenen Mitglieder nicht die gesamtstaatliche Verantwortung sondern ihre sozialpolitischen Träume in den Vordergrund stellen und bei der Mitgliederbefragung mit Nein stimmen werden? Oder ist es so, dass die eiserne Kanzlerin mal wieder versucht alles Unangenehme auf den zukünftigen Partner abzuschieben?

Liebe Berliner, langsam wird’s peinlich. Bei dieser Regierungsbildung ist von der berühmten deutschen Effizienz nichts zu spüren.