Ja, Luxemburg hat im Vergleich zu seinen Nachbarn immer noch eine relativ gute wirtschaftliche und soziale Lage. Ja, Luxemburg kann sich immer noch Dinge leisten, die für andere, sogar erfolgreiche direkte Nachbarländer, in dieser Form auch früher nicht mal denkbar waren. Ja, Luxemburg könnte sich, ohne gegen die Kriterien von Maastricht zu verstoßen, eine noch deutlich höhere Staatsverschuldung leisten. Ja, Luxemburg bräuchte derzeit noch nicht unbedingt auf die Ausgabenbremse zu treten und könnte noch einige Jahre auf Pump leben in der Hoffnung, dass sich das zum erneuten Ausgleich der Staatsfinanzen erforderliche Wachstum schon wieder einstellen wird. Wenn man sich die Entwicklung der letzten fünf Jahre und die damit zusammenhängenden tatsächlichen Initiativen der Regierung für Augen führt, muss man sich eigentlich nicht wundern, dass auch diese auf den „Kurs der Leichtigkeit“ eingeschwenkt ist, bis sie dann doch einen letzten Rest an Lernfähigkeit zu erkennen gab, der sie zum, bislang auch wiederum nur angedeuteten, Gegenlenken veranlasste.

Luxemburg befindet sich schon seit längerem - auch wenn dies sich in den statistischen Werten bislang noch nicht auf Anhieb hat erkennen lassen - auf einem abschüssigen Weg, der noch nicht einmal prioritär auf konjunkturelle Gründe zurückzuführen ist. Das sich abzeichnende Desaster auf dem Arbeitsmarkt, das wachsende Risiko latenter Armut für immer zahlreichere Einwohnerschichten, die beschämende Situation des Wohnungsmarktes, allen voran aber das tiefe und mit starker Nachhaltigkeit behaftete Malaise im Bildungswesen, all das hat mit der seit 2008 andauernden Finanzkrise nichts zu tun. Die Fundamente dieser grotesken Fehlentwicklung wurden schon gegossen in einer Zeit, da ausreichend Muße und vor allem auch finanzielle Mittel vorhanden waren, um einen neuen, auf alle Bevölkerungsschichten ausgerichteten Weg zu beschreiten. Stattdessen wurde regelrecht Schindluder getrieben mit einem warmen Geldregen, der Jahr um Jahr einsetzte und der mehr neue Gelüste befriedigte als damals schon bestehende Bedürfnisse. Kein Wunder also, dass jetzt eine umso größere Überzeugungskraft erforderlich ist, um die Bevölkerung auf jene „blood, sweat and tears“-Linie einzuschwören, mit der die Regierung jetzt das Ruder herumzureißen sucht. Sie tut dies erstaunlicherweise, um jenen Rest an Glaubwürdigkeit im Hinblick auf die nächsten Wahlen nach Möglichkeit zu retten, nachdem sie vorher schon den größten Teil dieses Kapitals leichtfertig verspielt hat. Die großen Probleme, die man lösen sollte „solange sie noch klein sind“, wie etwa die Situation auf dem Arbeitsmarkt, die wesentlichen Herausforderungen für die Zukunft, die besonders den Bildungssektor und die dort zu stellenden Weichen betreffen, sie alle fallen dem Land jetzt auf den Kopf, zu einem Zeitpunkt, da der verantwortbare politische - und finanzielle! - Spielraum gegen Null tendiert. Wäre man Sarkast, man könnte glatt jenen lustigen Spruch aus den USA auf Luxemburg projizieren: „Früher hatte Amerika Steve Jobs, Johnny Cash und Bob Hope. Heute gibt es ‚no jobs, no cash, no hope‘.“