LUXEMBURG/ESCH-ALZETTE
GUY VAN HULLE

Ein Gespräch mit Robert Bintz, Sieger der allerersten „Flèche du Sud“ 1949

Die „Flèche du Sud“ feierte dieses Jahr ein stolzes Jubiläum, sie wurde 70 Jahre alt, Grund genug, um zurückzudenken und an den allersten Laureaten zu erinnern. Was für die „Flèche“ gilt - siebzig Jahre und noch immer fit, sagt „Vélo Union Esch“-Präsident Heng Hinterscheid, das trifft auch auf Robert Bintz zu, den Gewinner von 1949, dem Gründerjahr der „Flèche“. Kürzlich suchten wir den jovialen „Bintze Rob“ in Bettemburg auf und baten um ein Interview, zu dem sich der inzwischen 89 Jahre alte und recht rüstige Altmeister spontan bereit erklärte.

Roby, wie kam Dein Sieg 1949 zustande und wer waren deine Kontrahenten?

Robert Bintz Also das war so, als ich die zweite und vorletzte Etappe in der Escher Victor Hugo Straße vor dem „Café Jaminet“ im Spurt vor Henri Kass gewann, schien mir der Sieg schon sicher. Auf der letzten Etappe jedoch versuchte Kass, der sich nicht einfach so von einem erst knapp neunzehnjährigen Buben wie mir geschlagen geben wollte, einen Vorstoß im Differdinger „Stengercheswee“, den ich aber gleich kontern konnte. Dann aber lief ich gleich zweimal hintereinander platt und war heilfroh, dass ich im „Generalklassement“ noch knappe 40 Sekunden bis auf den Zielstrich in Esch retten konnte. Bei der Siegerehrung gratulierte mir Hubert Clément und überreichte mir eine „Coupe“, weitere Gratulanten waren neben dem Publikum die Renn-Organisatoren vom „Velosport Esch“, die Gebrüder Schleich, Misch Becker sowie Jaak Bukovac. Nach der „Flèche“ wurde dann noch die Revanche „Maryland“ in Form eines „Critérium“ rund um Esch gefahren, die unter dieser Bezeichnung heute zum Glück nicht mehr tragbar wäre!

Wie oft bist Du nach diesem frühen
und viel versprechenden Erfolg
die „Flèche“ dann noch gefahren und wie verlief Deine weitere Karriere? Wie sieht Dein Palmarès aus?

Bintz Es blieb bei dieser einen und erfolgreichen Teilnahme, da die „Flèche“ 1950 nicht stattfand und ich meinerseits schon ein Jahr später mit 21 Jahren ins Profilager überwechselte. Zuerst möchte ich aber von meiner Karriere bei den Amateuren erzählen und wie ich zum Radsport kam. Ich bin Jahrgang 1930 und am 16. Februar in Mamer geboren. Meine erste Lizenz unterschrieb ich 1944 bei der U.C. Dippach. Bis zur Befreiung durch die Amerikaner fuhr ich gerade mal vier Rennen, von denen ich gleich zwei gewann. 1947 war ich bester Debütant und ein Jahr später wurde ich zum ersten Mal Meister bei den Amateuren vor Paul Kellen und Jempi Ernzer. Es folgten zwei weitere Titel auf der Straße in den Jahren 1949 und 1950. In diesem letzten Jahr bei den Amateuren kam ich übrigens zu dreifachen Meisterehren, da ich mir auch zweimal auf der Belairer Bahn im Verfolgungsrennen sowie im Sprint die Titel sichern konnte. Theo Simon, die Gebrüder Jacobs, Jempi Mahnen und vorher Jean Maret, Niki Laroche sowie J.-P. Kayser waren damals meine Weggefährten, Radsportfreunde und Konkurrenten.

Da ich schon Profi war, fuhr ich nicht mehr mit dem kürzlich verstorbenen Dominique Zago zusammen, dem zweifachen Straßenmeister, der in der „Flèche“ ebenfalls ganz vorne mitmischte und 1957 den Sieg zugunsten von Camille Jost nur dadurch verpasste, dass ihm, wie er uns anvertraute, von Herrn Millang ungewollt falsche Zeitabstände mitgeteilt wurden. Ich war meinerseits spurtschnell und kam die „Koppen“ gut hoch, nachher in den langen Alpenpässen musste ich allerdings passen… Wenn ich zurückdenke so scheint mir, dass ich manchmal zu aufrichtig meinen nicht immer fairen Konkurrenten gegenüber war und mir deswegen etliche Siege und Prämien entgingen.

Wie verlief danach Deine Profikarriere, die uns bisher weniger bekannt war?

Bintz 1951 wurde ich Berufsfahrer bei Alcyon, der legendären französischen Radsportmarke, für die bereits Nicolas Frantz die „Tour de France“ bestritt und sie gleich zweimal gewann. Im ersten Profijahr gewann ich eine Etappe bei der „Tour de Luxembourg“ in Clerf vor Jempi Ernzer und dem Franzosen Couvreur. 1952, dem Jahr, in dem auch Charly Gaul in eben derselben Mannschaft Profi wurde, wechselte ich zu Terrot (Dijon), etwas später noch stieg ich auf Helyett um, die grünen Rennräder aus der Loire, auf denen auch Jacques Anquetil später seine Rennen bestritt. 1952 gewann ich eine Etappe in Frankreich bei der „Tour des Six Provinces“ in Aix sowie zwei Etappen bei der Deutschlandrundfahrt, eine in Aachen und die andere in Schaffhausen. Bei den Profis kam ich demnach auf vier Siege. Die „Tour de France“ bestritt ich ebenfalls 1952 zusammen mit Willy Kemp, Bim Diederich, Jang Goldschmit und Johny Goedert. In der Etappe nach Namur, die Bim für sich entschied, lag ich mit ihm allein an der Spitze, als ich platt lief und dadurch den Kontakt zu ihm verlor.

Am Tag danach erlitt Bim, der sich noch nicht von den Strapazen vom Vortag erholt hatte, eine schwere „Défaillance“. Johny Goedert und ich waren unterdessen zusammen mit Fiorenzo Magni ausgerissen, als wir leider zurückgepfiffen wurden, um unserem arg schwächelnden Kapitän Beistand zu leisten, schade! Ich war gut in Form und hätte die Tour wohl locker beendet, wenn ich nicht in der Etappe nach Sestrières gestürzt und mir dabei die Hand gebrochen hätte… sei’s drum! Im internationalen Fahrerfeld war es mir gegönnt an der Seite von Radsportgrößen wie Gino Bartali, Fausto Coppi, Magni, Kübler, Bobet und Geminiani zu fahren und mich mit ihnen zu messen.

1953 bekam ich während der Winterpause plötzlich gesundheitliche Probleme am Magen und an der Speiseröhre, sodass ich 1954, als ich merkte, dass ich viel an Leistung eingebüßt hatte und die Ärzte mir nicht zu helfen vermochten, kurzerhand beschloss, meine aktive Radsportkarriere nach zehn Jahren zu beenden. Danach trat ich wieder ins „zivile“ Berufsleben ein, blieb aber dennoch „Straßenfahrer“… und arbeitete über 30 Jahre lang als LKW-Fahrer bei der Celula-Molkerei.

Inwiefern bist Du dem Radsport
dennoch treu geblieben?

BintzIch fungierte noch eine Weile als Betreuer, unter anderem an der Seite von Edy Schütz, der die „Flèche du Sud“ 1964 und 1965 gewann und stand natürlich ebenfalls meinem Sohn Daniel zur Seite, der für den L.C. Tétange erfolgreich Rennen fuhr und 1997 in Cessingen Landesmeister wurde. Heute verfolge ich die großen Rennen am Bildschirm oder vom Straßenrand aus, so auch die diesjährige „Flèche“, aber nur wenn es draußen nicht zu kalt ist und kein Regenwetter angesagt ist. Radfahren tue ich allerdings seit zwei Jahren etwas seltener und dann nur noch auf dem Fahrradweg, denn außerhalb ist es heutzutage allzu gefährlich geworden, und dies nicht nur für ältere Semester wie mich.

Bravo! „Felicitatioun an all Respekt Roby Bintz“! Wir danken Dir für dieses wunderbar nostalgische Gespräch.