LUXEMBURGCLAUDE MÜLLER

Wynton Marsalis und das „Jazz At Lincoln Center Orchestra“ in der Philharmonie

Zwei Brüder, zwei Stars, zwei Welten. Kontrastreicher könnten die Interessen- und Produktionsbereiche zweier anfangs seelenverwandter Musiker nicht verlaufen. Als die beiden Söhne des New Orleanser Pianisten Elis Marsalis in den frühen 1980er Jahren durch ihre Präsenz in Art Blakeys Jazz Messengers schlagartig international bekannt wurden und mit den Brecker Brothers als die vielversprechendsten Newcomer der Jazzszene gefeiert wurden, ahnte niemand, wie kontrovers die Karrieren der Gebrüder Marsalis verlaufen würde.

Während Branford sich kontinuierlich dem New Jazz widmete, vielbeachtete Exkursionen in den Fusionbereich als festes Mitglied der Band des britischen Rockstars Sting wagte oder wunderbare Bearbeitungen klassischer Themen mit dem „Orpheus Chamber Orchestra“ einspielte, hat sich Trompeter Wynton Marsalis eher der Retrobewegung „Back To The Roots“ verschrieben. So hat der erfahrene Leader des „Jazz At Lincoln Center Orchestra“ diesmal, nach den erfolgreichen Hommages an Duke Ellington, Thelonius Monk und Bennie Goodman, die wir vor zwei Jahren in der Philharmonie erleben durften, ein Programm mit eher unbekannten Jazztunes, einige aus der Feder von Bandmitgliedern, zusammengestellt.

Ausgedehnte Improvisation

Voll in den Begrüßungsapplaus hinein katapultierte sich der schon legendäre Startrompeter mit einer ausgedehnten Improvisation, wobei er sämtliche Facetten, Effekte und Spitzfindigkeiten, sowohl des traditionellen wie des Modern Jazz, verarbeitete. Bereits mit dem zweiten Stück, einer großangelegten, konzertanten Latinosuite, arrangiert von dem permanent intensiv phrasierenden Bassisten Carlos Henriquez, wagte Marsalis den Griff in das Schatzkästlein der rhythmisch, harmonisch und melodiös äußerst publikumsgerecht zugeschnittenen südamerikanischen Klischees, deren Charme sich kein Liebhaber guter U-Musik entziehen kann. Manchmal erinnerte der kompakte, fast exotische Sound an die Glanzzeit des Duke Ellington Orchestra, der in Marsalis‘ Band durch die von Johnny Hodges inspirierte Leadstimme des „Konzertmeisters“ Sherman Irby am Altsaxofon geprägt war.

Auch die folgende Komposition des Bebop-Veteranen Dizzy Gillespie stellte einige der hervorragenden Solisten in den Mittelpunkt, wobei Tenorsaxofonist Victor Goines mit einer mitreißenden Improvisation im Stil des späten Swing und frühen Bebop überzeugte, während zwei der Posaunisten, zu denen sich die einzige Frau der Band Camille Thurman gesellte, mit vokalen Scateinlagen für beste Stimmung sorgten. Und eben diese sonst an Tenorsaxofon und Flöte glänzende Musikerin sorgte für einen der schönsten Momente des Konzerts mit ihren Soli in einer Komposition des Urgesteins des modernen Saxofonspiels Wayne Shorter.

Ebenfalls Trompeter Marcus Printup, der mit einer markanten Eigenkomposition, die er mit einer beeindruckend konstruierten Solokadenz einleitete, zählte zu den Highlights des Konzerts und stand Pate für eine wohltuende abwechslungsreiche Eskapade in das nostalgische Reich der schon über 30 Jahre bestehenden Big Band

Raffinierte, zwanglose Soli

Auch der wohl bekannteste Musiker der Band, Multiinstrumentalist Ted Nash, der seine ersten Sporen in stilistisch so unterschiedlichen Bands wie die von Lionel Hampton, Quincy Jones oder dem Avantgarde-Pionier Don Elli, verdiente, überzeugte mit raffinierten, zwanglosen Soli auf diversen Holzblasinstrumenten. Hauptmerkmal des großorchestralen Apparats war übrigens die perfekte Symbiose vom Flair der konzertanten Big Band-Musik und dem intimen Ambiente von Clubauftritten, was die individuellen Stärken der Solisten bestens porträtierte.

Passend zum Valentinstag spielte der Superstar der modernen Jazztrompete, nur von seiner Rhythmussektion begleitet, den sentimentalen Love Song „Embraceable Me“ mit seiner typischen, virtuosen und nuancenreichen Originalität.

Den Abschluss der fast zweistündigen Nonstop-Performance bildete das Spiritual „Prayer“, ein Frage- und Antwortspiel zwischen der kompakt klingenden unbegleiteten Bläserabteilung und dem Posaunisten, der die Rolle des Vorbeters übernommen hatte.

Spätestens hier schlugen auch die Herzen der Anhänger Carla Bleys, von Charlie Hadens „Liberation Music Orchestra“ oder Lester Bowies „Brass Fantasy“ höher.