COLETTE MART

Das Feuer, das vorige Woche in der wohl berühmtesten Kathedrale der Welt ausbrach, und eine überwältigende Spendenfreudigkeit generierte, warf einige kritische Fragen darüber auf, was Menschen bewegt und was nicht. Während man fast schon auf eine Kampagne nach dem Motto „Je suis Notre Dame“ gefasst gewesen ist, erhoben sich plötzlich zahlreiche kritische Stimmen, warum denn ein „altes Gemäuer“ so viele Emotionen schürt, während die Not in der Welt viele gleichgültig lässt.

Demnach ist es interessant zu analysieren, was denn jetzt mit dem Brand in „Notre Dame“ tatsächlich für uns alle passierte.

Tatsächlich ist „Notre Dame“ nämlich kein altes Gemäuer, sondern gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO; sie ist ein Symbol der abendländischen Geschichte, die sehr eng mit der katholischen Kirche verbunden ist. Millionen Menschen aus aller Welt suchten Jahr für Jahr in „Notre Dame“ einige Momente der Besinnung, des Nachdenkens und der Kultur; sie konnten zurückdenken an alle Künstler und Handwerker, die im Mittelalter unter Einsatz ihres Lebens ein Werk schufen, das Brücken zwischen den Generationen und Verbundenheit mit der Kultur allgemein schuf. „Notre Dame“ trug zur Allgemeinbildung von Generationen bei, weil es sowohl Schulkinder als auch Touristen aus aller Welt daran erinnerte, dass es neben unseren alltäglichen Sorgen doch auch einen Ort für unsere Gedanken geben muss, für unseren Glauben eventuell, aber nicht unbedingt.

Dies alles ist die Erklärung dafür, dass der Brand uns berührte. Vielleicht sind wir doch irgendwann einmal dort gewesen, in freudiger Erwartung, was die französische Hauptstadt uns an Sehenswürdigkeiten und Emotionen zu bieten hat.

Nach dem Brand erschienen plötzlich Milliardäre auf der Bildfläche der Weltöffentlichkeit, und der Schaden an der alten Kirche schien im Nu bezahlt. Gerade diese Spendenfreudigkeit warf dann die Frage auf, warum die Not in der Welt nicht die gleiche Großzügigkeit auslöst.

Tatsache ist, dass die Ausradierung von Armut und Kriegen das Resultat politischer Entscheidungen ist, für die durchaus auf Weltebene das notwendige Geld da ist. Es ist demgemäß möglich, auf Kriege zu verzichten, und der Reduzierung der Armut weltweit zuzuarbeiten, falls man eine faire Handelspolitik in die Wege leitet, und nicht ein Nord-Süd-Gefälle aufrechterhält, in dem die Industrienationen immer die Gewinner, und die armen Länder immer die Verlierer sind.

Würde eine solche Politik weltweit befürwortet werden, würde die Not in der Welt darüber hinaus durch eine Reduzierung der Rüstungsausgaben gelindert, kann man durchaus auch noch in Kulturdenkmäler investieren, diese erhalten und neu aufbauen, eben gerade, weil sie die Menschen zusammenhalten und ein Symbol der menschlichen Kultur sind.

Das Drama um „Notre Dame“ sollte also eine Gelegenheit bieten, zu überlegen, wie wir öffentliche Gelder anders und besser als für Kriege, Waffen und eine ungerechte Weltwirtschaftsordnung investieren, und wie wir trotzdem Kulturdenkmäler erhalten können.