LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Globalisierung und Klimawandel: Neue Arten von Stechmücken verbreiten sich in Europa und erreichen auch Luxemburg – Sie können Vektoren für schwere Krankheiten sein

Es war eine äußerst schmerzhafte Erfahrung, die Christian Ries’ Interesse für Stechmücken schärfte: Der Konservator in der Umweltabteilung des „Naturmusée“ war 2015 als Tourist in Wien unterwegs, als er gestochen und mit dem Westnil-Virus infiziert wurde.

Dieser Erreger befällt hauptsächlich Vögel, kann aber auch auf Säugetiere übergreifen. In 80 Prozent der Fälle verläuft die Krankheit symptomlos; Christian Ries gehörte zu den anderen 20 Prozent und wohl auch zum geringen Prozentsatz der Patienten mit den schwersten Verläufen. Der Erreger kann im schlimmsten Fall potenziell tödliche Hirnhautentzündungen und Inflammationen anderer Organe hervorrufen.

Ries blieb das zum Glück erspart, er war aber zwei Monate lang außer Gefecht, in der Hochphase der Krankheit mit Fieber, Gliederschmerzen und Pusteln am ganzen Körper. „Nach dieser Erfahrung habe ich nachgeforscht, was wir über Stechmücken in Luxemburg wissen“, erzählt der Umweltwissenschaftler, „viel gab es nicht“. Heute arbeitet er gemeinsam mit der Gesundheitsdirektion, dem Umweltministerium und dem Parasitologen Francis Schaffner (Uni Zürich) am ersten Stechmückenatlas für Luxemburg. Im kommenden Sommer soll das Werk vorgestellt werden, das Aufschluss gibt über die Stechmückenarten, die im Großherzogtum anwesend sind – ein wichtiges Instrument für sanitäre Entscheidungen. Denn man weiß, welche Art von Krankheiten die kleinen Blutsauger übertragen können.

26 Arten in Luxemburg

„Bislang haben wir 26 Arten in Luxemburg orten können“, sagt Christian Ries, „das sind weniger als in anderen Ländern“. Denn in größeren Ländern gibt es es sehr unterschiedliche Lebensräume, an die sich die Arten angepasst haben. Im Klartext: eine Mücke aus einer Küsten- oder Hochgebirgsregion wird es kaum nach Luxemburg verschlagen. Doch die Liste wird auch in Luxemburg länger, denn die internationalen Waren- und Personenflüsse bringen invasive Arten mit sich. Wie die japanische Buschmücke (Aedes japonicus), die erstmals 2018 im Großherzogtum detektiert wurde, durch einen aufmerksamen Bürger aus Stolzembourg, der aufgrund von internationalen Berichten über Ansteckungsgefahren durch Mückenstiche und aus Angst für sein Baby seine Umgebung ganz besonders aufmerksam beobachtete und eine Mückenart entdeckte, die er bis dato nicht kannte.

Aggressiv unterwegs

Aedes japonicus ist aggressiver als andere Stechmückenarten und die Weibchen sind vor allem am Spätnachmittag unterwegs, so dass ein erhöhtes Krankheitsübertragungspotenzial besteht. Die Stechmücke gilt als ein Übertragungsvektor für Enzephalitis und das Westnil-Virus. Sie hat sich mittlerweile bereits im Osten und Nordosten Luxemburgs stark verbreitet und rückt nun auch nach Westen vor.

Noch aggressiver ist Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke, die während des Tages und  in der Abend- und Morgendämmerung sticht und als Übertragungsvektor für Dengue, Chikungunya, Zika, Gelbfieber und parasitische Fadenwürmer gilt. Sie wurde in unseren Breitengraden bislang in Arlon nachgewiesen. Die luxemburgischen Stechmückenforscher haben Fallen an den großen Autobahnraststätten in Berchem und Capellen aufgestellt. Denn dort passieren viele Fahrzeuge aus allen Teilen Europas.

Sie bringen manchmal Insekten und andere hier nicht heimische Tiere mit, die sich dann als invasive Spezies in Luxemburg ansiedeln können. Manche Stechmücken wie die Asiatische Tigermücke können unauffällig an Bord von Fahrzeugen verharren und bei der ersten Gelegenheit rausschwirren, zustechen und dann ihre Eier ablegen – dazu brauchen sie lediglich eine Pfütze Wasser.

Eine neue Generation alle sieben bis zehn Tage

Dann geht alles sehr schnell: „alle sieben bis zehn Tage entsteht eine neue Generation Stechmücken“, erklärt Christian Ries, der am liebsten an allen Durchgangspunkten wie Flughäfen und Warenumschlagsplätzen Fallen für nicht-heimische Insektenarten sehen möchte, damit die Anwesenheit neuer Spezies schnell aufgespürt und entsprechende Schutzmaßnahmen in die Wege geleitet werden können. Die Insekten fliegen in ihrem kurzen Leben kaum ein paar Dutzend Meter weit. So könnten „Hot Spots“ relativ schnell eingedämmt werden. Doch die Reproduktionsgeschwindigkeit und die Mobilität einiger Stechmückenarten macht klar: der Kampf gegen ihre Verbreitung ist nicht zu gewinnen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Asiatische Tigermücke in Luxemburg auftaucht“, sind sich die beiden Experten einig. Einen Grund zur Panik sehen sie darin allerdings nicht. Denn es gibt Mittel und Wege, Stichen vorzubeugen.

Man müsse mit dieser Bedrohung, die in den Augen der Spezialisten ein bedeutendes Problem der öffentlichen Gesundheit darstellt, leben lernen und die richtigen Reflexe trainieren, um den Stechmücken keine Lebensräume zu bieten oder sie einzuschleppen. „Warum müssen wir eigentlich immer so weit in Risikogebiete reisen?“, fragt sich etwa Christian Ries in diesem „Vakanz Doheem“-Sommer.

Mehr über Stechmücken in Luxemburg und die Verbreitung invasiver Arten gibt es hier:
www.mosquitoes.lu und www.neobiota.lu