Als Student muss man so einiges lernen. Kaum hat man seine Kochkünste soweit verbessert, dass einem keine Mikrowellenbehälter mehr auf der Kochplatte schmelzen, muss man sich auch schon wieder mit anderen Dingen befassen, denn man will sich ja auch menschlich weiterentwickeln. Im Laufe meines ersten Studiensemesters sind mir, bei mir und bei anderen, einige markante Verhaltensmuster aufgefallen. Als ich versuchte, ihre Gemeinsamkeit auszumachen, ist mir folgendes bewusst geworden: Es fällt uns schlicht und ergreifend schwer, Entscheidungen zu treffen und uns festzulegen -und das in allen Bereichen des Lebens.
Es ist ein Satz, der gerne mal so dahin gesagt wird, doch es ist tatsächlich so, dass man sich in der Phase, die sozusagen die Schwelle zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein bildet, erst einmal selbst finden muss. Man muss herausfinden, was man wirklich will, wie man sich die eigene Zukunft vorstellt, was man von ihr erwartet, welche Pläne und Vorstellungen man hat, welche davon realistisch sind und wie sie sich umsetzen lassen.
Alltägliches Phänomen
Eine eher banale und alltägliche Situation soll dies untermauern: Man würde gerne etwas unternehmen und fragt deshalb ein paar Freunde, ob und wann sie denn Zeit hätten. Oft lässt sich das problemlos planen, es kommt allerdings auch vor, dass man sich gar nicht so recht auf einen Treffpunkt und eine Uhrzeit festlegen möchte. Der Grund: Man hat noch andere Pläne in Aussicht und lässt sich gerne mal ein Türchen offen; entscheidet sich dann lieber kurzfristig für eine der Möglichkeiten. Eine Zusage bringt eine Art Verpflichtung mit sich und genau das will man ja vermeiden, da sich ja noch etwas Besseres bieten könnte, obschon man das dem anderen wohl kaum so sagen würde, denn das könnte verletzend sein.
Verletzend kann es ebenfalls sein, wenn man diese Denkweise auch im Liebesleben an den Tag legt. Es scheint so, als würden heute viele keine Beziehung eingehen- und sich auf jemanden festlegen wollen. Zu groß ist die Angst, man könne bald darauf jemand anderen kennen lernen, der möglicherweise viel besser zu einem gepasst hätte. Stattdessen entscheidet man sich also, sich mit einer Person zu treffen, ohne dabei eine feste Beziehung einzugehen. Der Vorteil: Keine Verpflichtungen, keine Treueversprechen und die Möglichkeit, das Ganze jederzeit zu beenden.
Möglicher Ursprung
Es geht nicht um die Frage, ob diese Einstellung in ihrem Kern moralisch verwerflich ist und was die Vor- und Nachteile sind, sondern wo denn dieses Verhalten herrührt. Eine Erklärung findet man, wenn man zweierlei betrachtet.
Erstens betrifft das Sich-nicht-festlegen-wollen primär auch die Auswahl der Ausbildung und somit der Berufslaufbahn. Fachwechsel an der Uni sind alltäglich und es ist ein Thema, über das viel diskutiert wird. Es besteht die allgemeine Angst, die eigenen Entscheidungen am Ende zu bereuen. Es handelt sich immerhin auch um äußerst wichtige Entscheidungen, die man jetzt in diesem Lebensabschnitt treffen muss. Beruf und Familie werden im Leben oft als das allerwichtigste angesehen und es gilt jetzt, die Weichen für die Zukunft zu stellen, die am besten nichts in Leere führen soll.
Der zweite Punkt erklärt - neben einer Reihe von anderen Faktoren- wodurch diese Unsicherheit zusätzlich verstärkt wird und warum dieses Verhalten heute möglicherweise besonders prägnant ist: Das Konsumverhalten und die schnelle Entwicklung der Technik. Erläutert sei dies an einem Beispiel, das uns wahrscheinlich allen bekannt vorkommt. Man will sich ein neues Handy oder ein neues Auto anschaffen. Was unproblematisch sein könnte, stellt sich als schwierig heraus, weil es in der Natur des Menschen liegt, immer die bestmögliche Wahl treffen zu wollen. Was man häufig tut? Anstatt sich gleich ein aktuelles Modell zu kaufen, wartet man lieber ab, bis das neuere, bessere Modell auf dem Markt erschienen ist. Ansonsten würde einem die Freude an der Neuanschaffung wohl schnell verdorben, wenn man nach einigen Wochen schon wieder im Besitz eines nun bereits „alten“ Modells ist; auch hier legt man sich also nur ungern fest.
So schnell findet sich auf jeden Fall keine Lösung für diese Unsicherheit und möglicherweise braucht es das auch gar nicht, denn sie hat immerhin auch positive Seiten. Zwar fällt es einem schwer, sich festzulegen, auf der anderen Seite jedoch führt das zu einer gewissen Besonnenheit: Vorschnelle Entscheidungen werden seltener getroffener.



