LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Interview mit dem deutschen Autor und Büchner-Preisträger Jürgen Becker

Auf Einladung des Institut Pierre Werner liest Jürgen Becker morgen im Cercle Cité aus seinen Werken und unterhält sich mit Thomas Böhm. Wir haben den Autor und Büchnerpreisträger im Vorfeld zum Gespräch getroffen.

Das Institut Pierre Werner, das Sie eingeladen hat, versteht sich als kultureuropäische Einrichtung. Inwiefern verstehen Sie Ihr Werk als ein politisches, das sich der Verständigung der europäischen Länder verschreibt?

JÜRGEN BECKER Ich verstehe mich nicht als denjenigen, der politische Vorgänge kommentiert, das ist die Aufgabe eines Journalisten oder politischen Schriftstellers. Wobei mein Schreiben natürlich nicht frei von Politik ist. Ich weiß, dass meine Biografie durch politische Vorgänge maßgeblich bestimmt worden ist. Ich lebe nicht privat, ich lebe zugleich immer ein Leben, das durch das, was politisch um einen herum passiert, beeinflusst wird. Ich weiß, dass Literatur nicht im Stande ist, die Wirklichkeit zu verändern oder auf die Politik einzuwirken, sie kann allenfalls ein Bewusstsein herstellen für das, was in der Welt geschieht.

Was hat man sich unter dem Journal-Roman „Was wir noch wissen“ vorzustellen?

BECKER „Was wir noch wissen“ war bislang der Arbeitstitel, das Buch wird im Herbst unter dem Titel „Jetzt die Gegend damals“ erscheinen. Es ist einerseits ein Journal, das aktuelle Vorkommnisse aufzeichnet, und es ist zugleich ein romanhaftes Erzählen, wobei ich versuche, den jetzigen Augenblick in die Vergangenheit zu verlängern und herauszufinden, was die Geschichte dieses Augenblicks des heutigen Tages ist. Diese Verbindungen will ich herstellen, diese Gleichzeitigkeit will ich vergegenwärtigen, dieses Heute im Damals und was im Damals angelegt worden ist für das, was heute passiert.

Bei der Lektüre des Gedichtbandes „Scheunen im Gelände“ hatte ich den Eindruck, dass es immer wieder Abbrüche gibt, dass Störungen den reibungslosen Ablauf behelligen. Ist es Aufgabe von Lyrik, auf diese Risse hinzuweisen?

Becker Meine Erfahrung beim Schreiben von Gedichten ist die, dass auf einem sehr engen Raum plötzlich sehr Vieles gleichzeitig passieren kann. Ein Gartenbild und zugleich die Zäune, eine Schneise - und dann ist dort wieder die deutsch-deutsche Grenze. Das sind Brüche, die in der Wirklichkeit selber drin sind. Das Gedicht als kleiner Wirklichkeitsbereich, in dem sich alles beispielhaft ansammeln kann, auch das Nebeneinander von Angst, Schrecken und Idylle.

In Versen wie „Neues / ergeben die Forschungen nicht; die Forschungen / haben wir eingestellt.“ liegt eine Ratlosigkeit gegenüber der Unüberschaubarkeit der Welt, die Sie aber nicht verstummen, sondern im Gegenteil produktiv werden lässt.

Becker Ja, das sehen Sie richtig, denn ich weiß nicht mehr als das, was ich wahrnehme. Das gebe ich auch zu, dass ich trotz all der Versuche, die Wirklichkeit zu durchdringen, am Ende oft ratlos und hilflos dastehe. Aber die Tatsache, dass ich das überhaupt erkenne und darüber ein Text entsteht, das hilft ja schon weiter.

In der Büchner-Preisrede sagen Sie, dass Sie das Schreiben als „Suche nach so etwas wie authentischer Wirklichkeit“ verstehen - wieso haben Sie sich bei dieser Recherche für die Literatur entschieden?

BECKER Ich bin kein Wissenschaftler, auch kein Politiker, ich kann eigentlich nur schreiben. Ich kann daher nur versuchen, die Wirklichkeit, so wie ich sie erfahre, darzustellen. Das kann ich am besten, wenn ich vor einer leeren weißen Seite sitze. Ob ich eine Antwort finde, weiß ich nicht, aber schon die Tatsache, dass ich zu einer Frage komme, ist gewinnbringend - eine Frage, die auch meine Existenz als Schriftsteller berührt, die ja immer eine isolierte ist und zugleich eine soziale, eine politische. Ich möchte einen beispielhaften Zusammenhang schaffen zwischen dem Ich, der Person und der Wirklichkeit um mich herum.

Im Luxemburgischen gibt es für das Adjektiv „schnell“ zwei Worte: Einmal das aus dem Deutschen stammende „schnell“ und einmal das luxemburgische „séier“. Mein Vater nimmt mich noch heute zurück, wenn ich anstelle von „séier“ „schnell“ sage, weil letzteres an den Sprachgebrauch der Nationalsozialisten erinnere. Die Unbekümmertheit der Sprache ist dahin. Ähnliches haben Sie ja auch in Ihrer Büchner-Preisrede angesprochen.

BECKER Das Deutsche, wie alle Sprachen, ist eine Sprache, in der sich ein politisches Bewusstsein und ein Machtanspruch ausdrückt. Es ist ein Instrument, das alles durchspielt, unter anderem das Verhältnis der Menschen untereinander. In meiner Rede habe ich eine Szene beschrieben, wie ich in den 50ern mit meiner damaligen Frau nach Frankreich kam und wie wir einmal gebeten wurden, kein Deutsch mehr zu sprechen. Der Krieg ist zwar vorbei, aber das Geräusch der Sprache kann alles Mögliche vergegenwärtigen. Und in der Sprache sind alle Erinnerungen aufbewahrt, auch die unguten.

Um Anmeldung für die morgige Lesung (um 18.30) wird gebeten unter bibliotheque@vdl.lu oder unter der 4796-2732.