LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Film Fund-Direktor Guy Daleiden über das Filmjahr 2016 und den Wandel in der Branche

Die nationale Filmindustrie blickt auf ein produktives Jahr zurück. Dennoch wird die Anzahl der 2016 in Luxemburg realisierten Produktionen nächstes Jahr mit Sicherheit überboten. Das weiß Guy Daleiden, Direktor des Luxemburger Film Fund, jetzt schon. Der Grund dafür ist allerdings nicht wirklich spektakulärer Natur: „Verschiedene Filme, die eigentlich dieses Jahr hätten gedreht werden sollen, wurden aus zeitlichen, beziehungsweise organisatorischen Gründen auf 2017 verlegt. In den kommenden Wochen und Monaten stehen mehrere Premieren an. Die Dreharbeiten für eine ganze Reihe weiterer Filme, denen wir unsere Unterstützung bereits zugesichert haben, beginnen erst nächstes Jahr. Nachdem wir entschieden haben, eine Produktion zu unterstützen, vergehen meist zwei bis drei Jahre, bevor sie schließlich ins Kino kommen“, gibt er zu bedenken.

Wandel in der Filmindustrie

2018 wird ein besonders interessantes Jahr, ist sich Daleiden bereits sicher, dann nämlich, wenn erneut die Verleihung des im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden „Lëtzebuerger Filmpräis“ ansteht: „Dieses Mal werden so viele Produktionen von nationalen Regisseuren in der Auswahl stehen wie nie zuvor“. Dies sei letztlich auch ein Beweis dafür, wie sich die nationale Filmindustrie in den vergangenen Jahren entwickelt und damit auch gewandelt habe. Der Direktor des Luxemburger Filmfonds spricht von einer „logischen Folge unserer Politik“. „Als wir angefangen haben, den Filmsektor aufzubauen, hatten wir relativ wenig Eigenes, kaum Infrastrukturen und nur wenige Regisseure. Die Kinematografie ist nationaler geworden. Es gibt inzwischen deutlich mehr Luxemburger Regisseure. Auch die Bandbreite an Filmgenres hat sich vergrößert“, bemerkt er. Bei 15 Produktionen pro Jahr - was für ein kleines Land wie Luxemburg viel sei - lasse sich aber kein klarer Trend ermitteln.

Was sich ebenfalls geändert hat, sind die Herkunftsländer der Koproduktionspartner. „Früher haben unsere Produzenten größtenteils in Koproduktion mit Belgien und Frankreich gedreht, heute interessieren sie sich immer mehr für andere Regionen. Einerseits bietet ihnen das die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, andererseits aber auch neue Geschichten zu finden, sich demnach zu diversifizieren“, erklärt Daleiden. Oft seien Geschichten aus dem Grund ganz ähnlich gestrickt, weil sie in den gleichen Regionen spielen. „Dreht man in einer anderen Region, entstehen automatisch auch andere Geschichten“, fügt er hinzu.

Neue Koproduktionsmöglichkeiten

Da auch sogenannte „Missions de promotion“ zu den Aufgaben des Luxemburger Film Fund gehören, sei man auf der Suche nach Koproduktionsmöglichkeiten beispielsweise in Montreal, Beirut, Talinn oder Köln unterwegs gewesen. Nächstes Jahr würden Treffen mit den Kollegen in Italien und Dänemark anstehen - Länder, mit denen bislang wenig koproduziert wurde. „Exploration du monde“, nennt es Daleiden und lacht. Das Interesse an einer Zusammenarbeit mit Luxemburg sei groß, sagt er, und zwar nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch „wegen der Qualität unserer Leute, unserer Arbeit und unserer Infrastrukturen“. „Außerhalb der Grenzen werden wir inzwischen sehr ernst genommen. Luxemburg hat sich in der internationalen Filmbranche längst einen Namen gemacht“, freut er sich, „Qualität ist die beste Werbung. Sie ist unser bestes Verkaufsargument“. Dank Animationsfilmen - und nicht zuletzt dem Oscar für den animierten Kurzfilm „Mr. Hublot“ - ist das Großherzogtum inzwischen sogar den Professionellen in China bestens bekannt. „Im Animationsmilieu gibt es keinen Professionellen, der uns nicht kennt“, betont der Filmfonds-Direktor. Weitere Kontakte zu knüpfen, sei trotzdem nicht überflüssig geworden.

„Selbstverständlich ist es uns ein Anliegen, beziehungsweise sogar unsere Mission für die Zukunft, die Luxemburger Regisseure auch im Ausland unterzubringen und sie dort bekannt zu machen“, fährt Daleiden fort. „Die neue Generation ist sehr kreativ, hat gute Ideen und arbeitet noch dazu immer häufiger mit neuen Techniken. Unsere klassisch ausgerichteten Beihilfen versuchen wir an diese Entwicklung anzupassen, was natürlich eine Herausforderung ist. Es tut sich gerade wirklich viel, es ist ein spannender Moment“.

Resonanz beim heimischen Publikum

Und wie ist eigentlich die Resonanz beim heimischen Publikum? „Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Filmen in luxemburgischer und solchen in nicht-luxemburgischer Sprache“, weiß Daleiden, „die Luxemburger schauen sich gerne Filme auf Luxemburgisch an. Wenn sie dann auch noch die Gesichter kennen und sich mit ihnen, genau wie mit der Geschichte identifizieren können, dann ist der Erfolg fast schon garantiert“. Als Beispiel nennt er „Eng nei Zäit“ von Christophe Wagner mit vielen bekannten einheimischen Schauspielern und einer Geschichte, die im Großherzogtum während des Zweiten Weltkriegs spielt. Das Ergebnis: 25.000 Eintritte. „Baby(a)lone“ dagegen sei zwar auch in luxemburgischer Sprache, dafür aber mit jungen, noch recht unbekannten Schauspielern besetzt und erzähle außerdem keine typisch luxemburgische Geschichte, weshalb er weniger gut besucht war. Am schwersten beim hiesigen Publikum hätten es allerdings nationale Produktionen in nicht-luxemburgischer Sprache. „Da ist die Konkurrenz einfach zu groß“, so seine Erklärung. Eine weitere Aufgabe des Film Fund sei es deshalb, die eigenen Leute - Daleiden spricht von einer ganzen Reihe vielversprechender junger Talente - beim eigenen Publikum bekannter zu machen. Auch internationale Auszeichnungen würden dazu beitragen. „Ein Preis ist etwas Sichtbares, er zeigt, dass wir oben angekommen sind. Wir unterstützen allerdings nicht nur die Filme, die unserer Meinung nach gute Chancen auf einen Preis haben, sondern Filme, die uns helfen, den Sektor zu entwickeln, und die dem Land kulturell, sozial und wirtschaftlich etwas bringen“, erklärt er.

Stichwort „Nation Branding“

In Cannes und Annecy hat der Film Fund jedes Jahr einen festen Stand. „Jeder ist in Cannes, man muss in Cannes sein, die Filmindustrie der ganzen Welt trifft sich dort“, sagt Daleiden. Auch Berlin ist ein wichtiges jährliches Rendezvous. Kaufen und Verkaufen, Kontakte knüpfen, Präsenz zeigen und Treffen mit luxemburgischen Filmschaffenden organisieren, laute die Devise bei diesen, aber auch bei punktuelleren Filmfestivals. Und „Nation Branding“? „Ich bin ein großer Fan von ,Nation Branding‘, es ist eines meiner Lieblingsthemen“, lacht Daleiden. „Ich bin der Meinung, dass die Filmindustrie sehr zum ,Nation Branding‘ beiträgt, dadurch dass sie so professionell und international einen derart guten Ruf hat. Das bringt Luxemburg ein gutes Image. Übrigens gilt das für den ganzen Kultursektor. Wir helfen also beim ,Branding‘ der ,Nation‘, dürfen allerdings nicht Filme zwecks ,Nation Branding‘ machen, solche also, die Luxemburg nur von seiner schönsten Seite zeigen. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Das wäre falsch. Wir haben eine Mission und die nehmen wir ernst“.

Auf der Plattform www.vod.lu kann man übrigens für ein paar Euro alle Luxemburger Filme runterladen.