LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

„The Overnighters“ von Jesse Moss

Jean-Louis Schullers neuer Dokumentarfilm „Black Harvest“ über zwei US-Amerikaner, die diametral entgegengesetzte Meinungen zum Thema „Fracking“ vertreten kommt erst am 6. Mai in die luxemburgischen Kinos. Der luxemburgische Regisseur ließ nach einer Pressevorführung in den Filmlandstudios verlauten, dass er und sein Koregisseur Sean Clark während den Dreharbeiten in North Dakota auf zwei weitere Filmteams gestoßen seien, die einen Dokumentarfilm über die Ölsucher drehten. Einer dieser Filme erschien bereits 2014 und ist jetzt auf DVD oder über den Streaming-Dienst Netflix erhältlich. In „The Overnighters“ portraitiert Regisseur Jesse Moss einen protestantischen Pastor, der sich in der Kleinstadt Williston um Männer und Familien kümmert, die inmitten von North Dakota gestrandet sind und bei den Ölfirmen Klinken putzen gehen, um einen Arbeitsplatz zu bekommen. Sehr viele Arbeitssuchende kehren dem gelobten Ölland rasch resigniert den Rücken, weil sie nicht die geeigneten Qualifikationen für einen Job mitbringen. Andere wiederum harren aus, hängen im lokalen Jobcenter ab, wo sie die Zeit zwischen den Vorstellungsgesprächen totschlagen.

Zahlreiche Arbeitslose finden eine provisorische Bleibe in einer Halle, die Pastor Jay Reinke für sie eingerichtet hat und wo sie einige Wochen ein Dach über dem Kopf haben.

Unpopuläre Entscheidungen

Der Hauptprotagonist ist ein Querdenker, der sich vom Wort Gottes leiten lässt und mehrmals seiner Glaubensgemeinschaft auf die Füße tritt, da er nicht davor zurückschreckt, unpopuläre Entscheidungen zu treffen: Reinke setzt sich beispielsweise dafür ein, dass ein Sexualtäter, der für seine Verbrechen gesühnt hat, nicht mehr in seinem Auto leben muss, sondern ein Bett in der Halle zur Verfügung gestellt bekommt.

Regisseur Moss interessiert sich, ebenso wie Jean-Louis Schuller und Sean Clark nicht für die ökologischen Aspekte des Frackingbooms, sondern für die soziologischen. Genauso wie das luxemburgisch-amerikanische Regieduo benutzt er seine Kamera wie ein Endoskop und schaut in die Existenzen der Interviewten hinein, die in ihren Unterkünften dahinvegetieren. Moss und Schuller/Clark blicken jeweils aus unterschiedlichen Richtungen auf das Thema-Fracking. Eine thematische Überschneidung ist nicht vermeidbar.

„Black Harvest“ ist visuell anspruchsvoller und verzichtet, anders als „The Overnighters“, auf überflüssige Längen. Jesse Moss liefert mit seinem Film allerdings eine gute Vorbereitungslektüre, um sich das Grundwissen für „Black Harvest“ anzueignen.


„The Overnighters“ ist als DVD oder über Netflix erhältlich