LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Was die Pianistin Françoise Tonteling in Corona-Zeiten antreibt

In den letzten Monaten war es still um die Pianistin Françoise Tonteling geworden. Und das aus gutem Grund. Sie ist Mutter geworden. Inzwischen ist Töchterchen Elena neun Monate alt, und Françoise Tonteling hätte nach dem Elternurlaub eigentlich letzte Woche als Musiklehrerin ans Konservatorium zurückkehren sollen. Doch die Corona-Krise hat auch ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Wie erleben Sie die Situation momentan?

Françoise Tonteling Ich muss zugegeben, dass ich vor dem Lockdown gestresster war. Da ich die internationalen Nachrichten intensiv verfolgte, habe ich mich gewundert, dass unsere Schulen noch geöffnet blieben und alles seinen normalen Gang ging. Andere Länder haben viel früher Maßnahmen ergriffen. Das hat sich dann zum Glück geändert. Dass jetzt jeder zuhause und unter sich bleiben muss, stört mich eigentlich wenig. Ich empfinde es vielmehr als angenehm, dass man nun ein bisschen zu sich finden kann.

Als Musiker ist man sowieso nicht so sozial süchtig, wenn ich es mal so ausdrücken darf (lacht). Musiker sind einfach daran gewöhnt, viele Stunden allein zu sein und in ihrer „Boule“ zu leben. Natürlich freue ich mich, jetzt noch länger ganz für mein Baby da sein zu können, das heißt aber nicht, dass ich mir keine Gedanken über die Situation machen würde. Viele Menschen sorgen sich um ihre Gesundheit, viele bangen um ihre Existenz. Da ich nicht als freischaffende Musikerin arbeite, habe ich zumindest eine finanzielle Sicherheit. Dieses Glück haben nicht alle.

Heute Abend geben sie in der Reihe „Live aus der Stuff“ ein Konzert. Wie sind Sie auf diese Initiative aufmerksam geworden?

Tonteling Serge Tonnar, der Initiator, hat mich gefragt, und ich habe sofort zugesagt. Es ist eine tolle Initiative und vor allem wichtig für freischaffende Künstler, deren Aufträge weggebrochen sind und die deshalb nun finanziell etwas auf der Strecke bleiben. Für sie sind solche Möglichkeiten jetzt überlebenswichtig. Das Geld, das ich für meinen Auftritt bekomme, werde ich anderen Künstlern spenden, die mehr darauf angewiesen sind. Für mich steht es außer Frage, es in die eigene Tasche zu stecken.

Worauf darf sich das Publikum freuen?

Tonteling Ich werde meine Lieblingsstücke spielen. Das sind an sich Volkslieder aus der ganzen Welt, die mir in den letzten Jahren in gewisser Weise zugeflogen sind, die ich also zufällig gehört habe und die mir dann so unter die Haut gegangen sind, dass ich etwas daraus machen wollte. Ich improvisiere viel rund um die verschiedenen Melodien. Sie haben mir übrigens auch als Inspiration für eigene Stücke gedient. Bieten werde ich heute Abend eine Mischung aus Liedern, die existieren, und solchen, die ich komponiert habe, das Ganze sehr improvisiert, aber natürlich mit klaren Ideen, das muss man schon üben. Unter Improvisation stellen sich viele immer vor, das würde einfach so vom Himmel fallen, aber nein, auch Improvisation übt man, obschon es dann am Ende nie genau das Gleiche ist.

Ein Programm also, das ein breites Publikum interessieren kann?

Tonteling Definitiv, ich denke, dass diese Musik - es ist World Music - ganz zugänglich ist, wirklich für jeden, sowohl für Kinder als auch für Liebhaber klassischer Musik oder sogar Pop. Es sind einfach wunderschöne Melodien. Eine Voraussetzung ist vielleicht, dass man Klaviermusik mag (lacht).

Mussten Sie wegen der Corona-Krise eigene Projekte auf Eis legen?

Tonteling Nur die Arbeit im Musikkonservatorium. Da ich gerade erst aus dem Elternurlaub zurückkehren sollte, hatte ich noch keine größeren Pläne für die nahe Zukunft. Ich habe mich während dieser Zeit wirklich ausschließlich um mein Baby gekümmert. Ich wollte ganz bewusst keine Verpflichtungen haben. Erst im November ist ein Projekt geplant, das soll etwas Ähnliches werden, wie das, was ich heute Abend biete.

Gehen wir etwas weiter in der Zeit zurück: Wie lange spielen Sie schon Klavier und wie kam es dazu?

Tonteling Nun, mein großer Bruder musste Klavier spielen, tat dies auch ungern, ich aber habe immer gern zugehört. Ich war noch sehr klein, als ich versucht habe, das nachzuklimpern, was er spielte. Mit fünf Jahren habe ich meine Eltern dann so lange genervt, bis sie einen Lehrer für mich suchten, der mir Heimunterricht gab. Danach folgte eine Musikschule, dann das Konservatorium und dann das Studium. Die Entscheidung, dass ich eine professionelle Richtung einschlagen wollte, fiel erst mit 16. Ich habe immer gerne gespielt, aber es war jetzt nicht mein großer Kindheitstraum.

Hat sich während des Studiums eine besondere musikalische Vorliebe herauskristallisiert?

Tonteling Ich habe klassisches Klavier studiert, das ist nach wie vor meine große Leidenschaft. Während der Ausbildung bin ich aber mit ganz verschiedenen Musikstilen in Berührung gekommen, auch mit Jazz und Improvisation. Relativ zufällig bin ich über Freunde auf traditionelle klassische indische Musik gestoßen. Wahrscheinlich war das so der Anfang, der mir die Ohren für andere Musikstile geöffnet hat. Ich bewege mich gerne in ganz unterschiedlichen musikalischen Gefilden. Eine bewusste Entscheidung war es nicht. Mit der Zeit findet man ja heraus, was einem besonders gut liegt oder was einem leichter von der Hand geht. Ich habe dann angefangen, selbst zu schreiben. Es kamen Projekte wie „Julia goes Mercutio“, „Danainii“ oder „Sheherazade“, wo auch verschiedene Stile miteinander vermischt werden. Ich habe einfach in den letzten Jahren viel ausprobiert, auch andere Formate wie musikalische Lesungen.

Werden Sie sich irgendwann auf etwas fokussieren?

Tonteling Ich finde, dass man als Musiker immer offen, interessiert und inspiriert bleiben muss. Momentan spiele ich zum Beispiel ganz viel Scarlatti, das ist ein italienischer Barockkomponist. Das sagt mir im Moment zu. In zwei Jahren interessiere ich mich vielleicht für etwas ganz anderes. Ich bin da überhaupt nicht festgefahren. Das Wichtigste ist, seiner Leidenschaft nachzugehen und auch nicht zu glauben, man wäre irgendwann einmal angekommen. Es ist ein Lifelong Learning.

Wie viel Zeit widmen Sie der Musik denn im Moment?

Tonteling (lacht) Ich höre noch immer sehr viel Musik, aber ich übe sehr viel weniger. Alles zu seiner Zeit. Ein Kind zu bekommen, war für mich das Schönste, was ich bisher erlebt habe, und das will ich genießen. Deshalb verbringe ich weniger Stunden am Klavier, was ich aber überhaupt nicht schlimm finde. Das wird wiederkommen, wenn es so weit ist. Es ist ja nicht so, als würde die Musik komplett auf der Strecke bleiben, sie wird immer eine große Rolle in meinem Leben spielen. Im Moment nur eben eine etwas andere.

„Fruz Tonteling live aus der Stuff“ heute Abend (27. März) um 20.00: facebook.com/liveausderstuff