Als Reportermensch muss man sich manchmal die schlimmsten Dinge antun, nur weil es der Beruf verlangt, würde sich mit Sicherheit doch kein normaler Mensch freiwillig eine TV-Europawahldebatte anschauen, ohne sich dabei zu Tode zu langweilen. „Süddeutsche.de“ hat es vorgestern Abend versucht. Besonders beeindruckt zeigten sich die Journalisten dabei erwartungsgemäß von EVP-Spitzenkandidat Juncker, der bei der europaweit übertragenen Debatte gewirkt habe, „als würde er am liebsten 90 Minuten schweigen“; „ihm schien es überhaupt leid, reden zu müssen“. Vermutlich hatte Juncker eine Wette laufen, mutmaßt die Zeitung, „eine Wette, dass er es schafft, in 90 Minuten Debatte nicht den Anflug eines Lächelns zu zeigen und nicht den leisesten Hauch von Spaß“. Die Wette hat der EVP-Mann dann aber natürlich locker gewonnen.

Nach so viel Gesichtsbeherrschung hatte Juncker es sich redlich verdient, gestern bei seinem Altspezi Dr. Kohl in Oggersheim ein klein bisschen die Batterien aufzuladen, was er dann auch direkt lautstark in die Welt hinaustweeten musste: „Today I met with Helmut Kohl who gave me good advice for the next 5 years. A great European“. Nun kann wirklich nichts mehr schiefgehen...