LUXEMBURG
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Wie die Covid-19-Krise den Bereich der Sozialen Arbeit getroffen hat – Und wo die Grenzen der Digitalisierung liegen

Homeoffice, reduzierte Kontakte und oft schwierige Situationen: der Lockdown wegen dem Covid-19-Virus hat die Soziale Arbeit vor nie dagwesene Herausforderungen gestellt. „Für uns hat sich sofort die Frage gestellt: Was können wir tun, um den Kontakt mit den Partnern des Praxisbüros zu halten und sie zu unterstützen“, sagt Petra Böwen, „unsere Idee war es, konkrete Erfahrungen zu sammeln und Schlüsse daraus zu ziehen und so kamen die ‚Praxistagebücher‘ aus der Sozialen Arbeit in Covid-19-Zeiten zustande. Parallel dazu haben wir eine Online-Umfrage gestartet, deren Ergebnisse sich noch in der Auswertung befinden“.
Die Diplom-Pädagogin arbeitet an der Uni Luxemburg als Studiendirektorin im berufsbegleitenden „Bachelor en Sciences Sociales et Educatives“ und „Zertifikat LernCoaching“ und leitet dort das PraxisBüro, das als Schnittstelle zwischen Uni und den vielfältigen Akteuren in Praxis und Politik fungiert. Nach dem Motto: „Wissenschaft trifft Praxis, Politik und die interessierte Öffentlichkeit“ horcht das PraxisBüro nicht nur beständig in die Branche rein und steht als Informationsstelle bereit, sondern bemüht sich um die Vernetzung aller Interessierten, nicht zuletzt durch einen jährlichen Praxistag im Oktober, der wegen der Pandemie auf nächstes Frühjahr verschoben werden muss.
Im vergangenen Jahr stand die Digitalisierung in der Sozialen Arbeit im Mittelpunkt des Praxistags. „Niemand hätte damals daran gedacht, dass die digitalen Instrumente so schnell so großes Gewicht in diesen facettenreichen Feldern bekommen“, sagt Petra Böwen. Quasi von heute auf morgen mussten Lösungen gefunden werden, um den Kontakt mit teils nicht nur gesundheitlich, sondern auch psychisch fragilen Personen zu halten.

Die Bedeutung non-verbaler Signale

Die „Praxistagebücher“, die vor allem auch davon erzählen, wie die Profis mit dieser für sie neuen Situation umgingen, berichten über das Potenzial der digitalen Instrumente und der damit verbundenen Arbeitsprozesse. Sicher werden manche davon auch nach der sanitären Krise weiter eingesetzt werden. Die Technologie ermöglicht enorm viel, wenn sie denn zur Verfügung steht: Die Erfahrungen haben nämlich auch gezeigt, dass längst nicht jeder über digitale Geräte verfügt oder über das Know-How, sie zu nutzen. Sei es aus finanziellen oder aus Bildungsgründen. Das sogenannte „Digital divide“ hat sich in der Krise deutlich gezeigt.
Auch gezeigt haben sich die Grenzen der Digitalisierung. So heißt es im Fazit der „Praxistagebücher“ etwa: „Für die Fachkräfte bedeutet die Kommunikation über digitale Kanäle zudem, dass ihnen Hinweise auf den Zustand der AdressatInnen, wie Mimik, Gestik und Körperhaltung nicht mehr zur Verfügung stehen, was ihre professionellen Entscheidungen und Handlungen schwieriger macht. Auch sind diese non-verbalen Signale Instrumente, welche ausgebildete Fachkräfte in Face-to-Face-Beratungssettings bewusst einsetzen.“
Oder wie Petra Böwen sagt: „Wir müssen uns sehen, uns spüren können, ohne direkte menschliche Beziehungen geht es nicht“. Nachfolgend einige in den Praxistagebüchern beschriebenen Erfahrungen von Profis der Sozialen Arbeit während der Monate des „Lockdown“.

RBS Center fir Altersfroen: Digitale Instrumente muss man lernen

Aus dem Fortbildungsinstitut des „RBS Center fir Altersfroen“ wird über die Konsequenzen der Absage der Fortbildungen berichtet, an denen überwiegend Profis aus den unterschiedlichen Gesundheits- und Sozialberufen teilnehmen. „Die Stornierung des kompletten Fortbildungsprogramms hat den Träger vor große Herausforderungen gestellt. Noch nicht abschließend geklärt ist die rechtliche Lage bezüglich vertraglicher Verpflichtungen mit den Referenten, deren Fortbildungsveranstaltungen nicht stattfinden. 
Eine kurzfristige Verlagerung der Angebote auf „Webinare“ oder reine „Online-Seminare“ ohne physische Präsenz der Teilnehmer bzw. der Referenten war nicht möglich“, wie erklärt wird. Man will aber in naher Zukunft Bestrebungen unternehmen, einzelne Fortbildungsveranstaltungen ohne physische Anwesenheit der Teilnehmer anzubieten. Für die Profis in der Altenpflege sei besonders eine Herausforderung gewesen, den Bewohnern von Altenpflegeeinrichtungen bei der Kommunikation mit der Außenwelt – etwa über Messengerdienste oder Videokonferenztools – zu helfen. Der RBS wolle den Umgang mit diesen Instrumenten künftig  in sein Fortbildungsprogramm einbauen.
Auch das Angebot der Seniorenakademie fiel flach. „Es bleibt hervorzuheben, dass es nicht möglich und auch nicht sinnvoll sein wird, das gesamte Fortbildungsprogramm und das Seminarprogramm der Seniorenakademie auf Webinare umzustellen, da die Teilnehmer physische Anwesenheit sehr schätzen“, heißt es dazu. Aber auch hier seien beispielsweise Online-Tutorials entwickelt worden, die zunehmend auf Interesse stoßen.

VISAVI: Kontakt halten mit einem Opfer häuslicher Gewalt

„Femmes en détresse VISAVI (vivre sans violence)“ berichtet vom Fall einer Frau, die Opfer von häuslicher Gewalt ihres sehr präsenten Mannes ist. Die einzige Möglichkeit, die gefunden werden konnte, um den Kontakt mit ihrer psycho-sozialen Beraterin aufrecht zu erhalten, war eine Verbindung über Skype. Wobei die Frauen die Beratung als Online-Kurs tarnten, denn die Frau nahm zu diesem Moment tatsächlich an einem Fernkurs teil. Damit der Mann keinen Verdacht schöpfte, gab die Frau ihre Fragen nur schriftlich ein. Die Beraterin antwortete ihr dann durch den Kopfhörer, den sie trug.
„Ich musste mich anfangs erst anpassen an diese Art der Kommunikation“, berichtet die Beraterin, „was gut ist, ist dass die Dame die Möglichkeit hat, mich zu sehen und ich sehe ihre Reaktionen“. Das Risiko für die Frau, ertappt zu werden, sei zwar da gewesen, aber es sei neben Mails die einzige Möglichkeit gewesen, mit ihr in Kontakt zu bleiben.

SCAS: Schwierige Kontakte

Der „Service des tutelles“ des „Service Central d’Assistance Sociale“ der Staatsanwaltschaft berichtet über mehrere Fälle, in denen es durch die Lockdown-Einschränkungen ziemlich schwierig war, die betroffenen Personen zu begegnen und sich ein komplettes Bild von deren Lage zu machen. Etwa im Fall einer 79jährigen Person mit abnehmenden kognitiven Fähigkeiten, der eine Schutzmaßnahme zuteil werden musste. Ein telefonischer Kontakt kam zwar mit dem einzigen Bekannten der betroffenen Person zustande, aber ein Besuch bei ihr selbst war aufgrund der Einschränkungen in dem Pflegeheim, in dem sie lebt, nicht möglich. Das Pflegeheim hatte die Möglichkeit einer Videokonferenz angeboten, allerdings war das seitens des SCAS nicht technisch möglich und habe auch nicht angepasst gescheint an den Zustand der betroffenen Person. Die Kontakte liefen zwar weiter, aber es musste darauf gewartet werden, dass das Pflegeheim wieder Besucher empfängt.

„Vollekskichen“: Rasante Produktionsumstellung

Das „Comité National de Défense Sociale“ berichtet mitunter über die „Vollekskichen“, die es isolierten und/oder Personen mit bescheidenen  finanziellen Mitteln erlaubt, eine ausgewogene Mahlzeit zu erhalten. Die „Vollekskichen“ ist aber auch eine Einrichtung, in der Klienten arbeiten, die sozialarbeiterisch begleitet werden. Auch das fiel durch den Covid-19-Lockdown weg. „Mit viel Kreativität und Energie wurde die Produktion innerhalb von nur drei Tagen so umgestellt, dass eine Essensausgabe zum Mitnehmen möglich war“, heißt es im Bericht. „Die Kontaktaufnahme zu den beurlaubten Klienten im Küchenbereich erfolgte über Telefon, die Reaktivierung war eine Frage von wenigen Tagen und die Mehrheit der Klienten waren extrem zufrieden wieder arbeiten zu können, den sozialen Kontakt aufrecht zu erhalten und ihren Teil dazu beizu-tragen, diese sanitäre Krise zu überstehen. Menschen, gleich welchen Alters brauchen Teilhabe am sozialen Leben, sie brauchen das Gefühl gebraucht zu werden“. Unterstrichen wird, dass es durch die externe Essensausgabe auch möglich war, Informationen über Covid-19 weiterzugeben an Menschen, die von digitalen Kommunikationsmitteln ausgeschlossen sind.

„Office Social  Grevenmacher“: Kreativer Austausch

B. ist eine alleinstehende Dame von 83 Jahren, die in einem kleinen Appartment lebt. Sie hat weder Familie noch Bekannte in Luxemburg. Das Sozialamt Grevenmacher hilft ihr seit mehreren Jahren bei ihren Verwaltungsgängen. Ein bis zweimal im Monat besucht eine Sozialarbeiterin die Dame erstens um sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht, zweitens, um sie bei ihren administrativen Angelegenheiten zu unterstützen. Leider besitzt Frau B. weder Smartphone noch andere IT-Geräte. Da sie zur Risikogruppe gehört, fielen die Besuche während des „Lockdowns“ weg und die Dame konnte nicht aus ihrer Wohnung raus. Es bestand Isolationsgefahr. Frau B. rief die Sozialarbeiterin nicht nur an, um Fragen über ihre Verwaltungsangelegenheiten zu stellen, sondern auch um ihr Unwohlsein über die ganze Situation auszudrücken. Die Sozialarbeiterin begann fortan, mehrere Male die Woche bei Frau D. anzurufen, um zu erfahren, wie es ihr geht. Für die administrativen Angelegenheiten ließ sie sich ein einfaches System einfallen: Frau B. legte zu unterzeichnende Dokumente mit ihrer Signatur in einen Schuhkarton vor ihrer Wohnungstür. Die Sozialarbeiterin holte sie dann ab und die beiden Frauen diskutierten per Telefon, was zu tun sei.

AIS: Verzögerungen beim Umzügen

Die „Agence Immobilière Sociale“ vemittelt Menschen mit geringem Einkommen, die auch mit Wohnproblemen zu kämpfen haben, erschwinglichen Wohnraum. Sie berichtet vom Fall einer Familie, der bereits eine Wohnung über die AIS zugeordnet wurde, die aber wegen der Einschränkungen durch den Lockdown nicht einziehen konnte. Während der Umzug der Familie verschoben werden musste, lief der Vertrag mit dem Betreiber des Campings, auf dem die Leute zeitweilig untergekommen waren aus und eine Verlängerung war nicht möglich. Die Familie schaffte es schließlich, auf einem anderen Campingplatz unterzukommen. „Die Familie und ich standen im permanenten Kontakt via Telefon und WhatsApp. Zeitgleich wurden das zuständige Sozialamt und die Polizei informiert. Es war ein ständiges Hin und Her, welches Dank der Technik gut funktionierte und Familie X somit geholfen werden konnte. Im Normalfall hätte ich die Familie wahrscheinlich öfters im Büro begegnet“, schreibt der AIS-Mitarbeiter, der mit dem Fall betraut war.

Jugendhaus Rümelingen: Spaß mit Houseparty-App

Das Jugendhaus Rümelingen nutzte die Houseparty-App, um mit Jugendlichen in Kontakt zu bleiben. Dabei wurde zunächst nach der Schließung des Jugendhauses ein Aufruf gestartet, auf welcher Plattform man sich treffen wolle. Die Wahl bei der Umfrage mit reger Beteiligung fiel auf Houseparty, wo man sich täglich um 16.00 treffen wollte. „Es hat uns alle sehr gefreut, uns zu sehen, auch wenn die Situation für manche etwas ungewohnt war“, so der Bericht. Allerdings sei es schwierig gewesen, die jüngeren Jugendlichen für das Rendez-vous zu gewinnen, mit denen die Beziehung noch nicht so lang zurückreicht. „Im Jugendhaus, wenn wir uns sehen, kann ich mich immer wieder rantasten und irgendwann öffnet sich der Eine oder Andere. Nicht jeder, das ist natürlich auch klar. Rein digital war es für mich hier nicht möglich, mich an die Jugendlichen ranzutasten“, heißt es. Trotzdem sei die Erfahrung positiv gewesen, auch wenn der menschliche Kontakt unersetztlich bleibt.

Info Handicap: Digitale Beratungsgespräche

Von Info-Handicap, der Anlaufstelle für Menschen mit Behinderung, ist zu hören, dass zu Beginn der Krise viele Anrufe eingingen, von Menschen, die Probleme mit der Betreuung und Pflege von Kindern oder Erwachsenen mit Behinderung hatten, da Tagesstätte, Schulen oder Werkstätte für die berufliche Inklusion aufgrund der Pandemie geschlossen wurden. Während dieser Zeit habe ein regelmäßiger Austausch zwischen dem Familienministerium und Info-Handicap stattgefunden, ein Austausch, der dazu beitrug, dass der Urlaub zur Unterstützung der Familie schnellstmöglich über eine großherzogliche Verordnung eingeführt werden konnte.
Über Mail und Telefon konnten die Betroffenen über die Entwicklung der Lage informiert werden, allerdings gebe es Situationen, in denen Face-to-Face-Kontakte unerlässlich sind, etwa komplexe Beratungsgespräche, Beratungsgespräche, in denen das Sprachverständnis über Blickkontakt verbessert wird, zum Beispiel bei Menschen mit einer Hörschädigung, Beratungsgespräche mit Personen mit Migrationshintergrund, Gespräche, in denen man Dokumente zusammen einsehen muss, oder Gespräche mit Menschen mit kognitiven oder psychischen Einschränkungen, bei denen durch Blickkontakt und körperliche Nähe mehr Empathie und Informationen besser vermittelt werden können.