CORDELIA CHATON

Die letzten Masken fallen, die letzten Helden gehen und wenn es dunkel wird, kommt der Brexit. So lässt sich die Stimmung in London derzeit ganz gut zusammenfassen. Denn die Bekanntgabe von John Bercow, er trete spätestens am 31. Oktober von seinem Amt als Sprecher des Unterhauses zurück, gibt dem Brexit eine bittere Note, den Abschluss des letzten Kapitels eines Melodramas.

Bercow hatte das Amt seit 2008 inne. Mit seinen lauten Oooorrrder-Rufen und seinen unkonventionellen Verbal-Rügen hatte er ebenso Berühmtheit erlangt wie mit der kreativen Ausschöpfung von Auslegungsspielräumen. In der Auseinandersetzung um den Brexit hatte der konservative Parlamentarier sich immer wieder für die Rechte der Abgeordneten eingesetzt und sich damit oft den Vorwurf von Parteilichkeit eingehandelt.

Gebracht hat es in Sachen Brexit am Ende wohl nicht viel. Zwar trat das Gesetz gegen den No-Deal-Brexit gestern in Kraft, das vergangene Woche im Eiltempo durch beide Kammern des britischen Parlaments gepeitscht worden war. Doch gleichzeitig begann gestern Abend die fünfwöchige Zwangspause, die Premier Boris Johnson den Parlamentariern aufzwang.

Johnson, der zwischendurch immer mal wieder als halbverrückter Hund dargestellt wird, ist wesentlich kühler und erfolgreicher, als viele meinen. Politisch und verbal besetzt er das Brexit-Thema. Wären heute Neuwahlen, hätten die Tories 35 Prozent. Johnson stilisiert sich als der Verfechter des Volkswillens.

Doch zumindest in London glaubt ihm das keiner. Es geht ihm - und vielen anderen - nur um die eigene politische Karriere. Das Land ist ihnen egal. Das Handeln entspricht dem des österreichischen Populisten Strache, der halb Österreich an einen russischen Oligarchen verramscht hätte, wenn er damit durchgekommen wäre. Johnson verramscht die britische Demokratie. Und aus Feigheit, falsch verstandener Demokratie und mangelndem Rückgrat hat im Corbyn kräftig in die Hände gespielt.

Zwar kommt aus dem Europaparlament heftige Kritik an Johnsons Brexit-Kurs. Er versuche, aus einem konstruierten Konflikt zwischen dem britischen Parlament und den Menschen politisches Kapital zu schlagen, sagte die Grünen-Abgeordnete Terry Reintke, die für einen Aufschub ist.

Doch genau den will die Johnson nicht. Er verkauft den Brexit als politische Bringschuld, als selbst gegebenen Eid. Das Parlament, zerstritten bis zum Schluss und nur fähig zu sagen, was es nicht will, nicht aber, was es will, hat das seine dazu getan. Da es in Großbritannien keine wirklich starken politischen Kräfte neben den zwei großen Flügeln gibt, eskaliert die Lage weiter. Das ist ganz nach dem Geschmack des aggressiven Chefstrategen Dominic Cummings, der auf steigende Beliebtheitswerte der Tories verweisen kann.

Zwar muss Johnson jetzt noch eine Finte finden, will er nicht „tot im Graben“ liegen, statt ein Abkommen zu ratifizieren. Aber der Vorhang fällt. Der Populismus hat gesiegt, nicht die Demokratie, ganz egal, wer nach der Zwangspause „Order!“ ruft. Brexit is coming.