LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Verteidigung fordert weitere Ermittlungen über „Stay Behind“-Briefe

Gleich sechs „corps de conclusion“ legte Gaston Vogel, der Verteidiger des Angeklagten Marc Scheer, gestern am ersten Tag der Wiederaufnahme des „Bommeleeër“-Prozesses nach dem Sommerurlaub vor.

Sie drehen sich vor allem um Dokumente aus dem Bestand ,den Geheimdienstdirektor Patrick Heck Anfang August an die Parteien im Prozess weiterleitete. Dabei handelt es sich maßgeblich um Akten im Zusammenhang mit geheimdienstlichen Aktivitäten Mitte der 1980er Jahre.

Da geht es um Trainings für Sicherheitspersonal und „Stay Behind“-Leute, aber auch um Operationen auf Luxemburger Territorium (s. auch Rahmen unten links). In einem Schreiben der NATO-Koordinierungsstelle von „Stay Behind“ beispielsweise beglückwünscht ein gewisser „Bill“ den damaligen SREL-Direktor Charles Hoffmann am 19. November 1985 zu einer geglückten Mission „Oregon 4“. Me Vogel gab zu bedenken, dass exakt zehn Tage zuvor die „Bommeleeër“ das Attentat auf den Flughafen verübten. Die Verteidigung will genau wissen, was es mit all den erwähnten Missionen auf sich hatte, wer hinter den diversen Codenamen steckt, die in den Dokumenten auftauchen und was bei den Meetings besprochen wurde, über die sie berichten. Außerdem fordert sie, dass die Akten korrekt datiert und leserlich gemacht werden. Oft sind zwei Drittel der Dokumente geschwärzt. Das sei inakzeptabel, so die Verteidigung.

Für Staatsanwalt Georges Oswald findet sich indes in den Dokumenten kein einziges Element, das die „Stay Behind“-Spur festige. Er schlug vor, die Vernehmung der diversen Geheimdienstagenten abzuwarten, die als Zeugen geladen sind.

Werden Angeklagte und Verteidiger überwacht?

Die ohnehin fast 110 Personen umfassende Zeugenliste könnte indes noch länger werden. Ein gewisser Berg, der in einem Brief an Me Vogel enthüllte, Angeklagte, Verteidiger und Zeugen aber auch Politiker und Journalisten würden von einem„Peloton d’observation et de surveillance“ (POSA) überwacht.

Staatsanwaltschaft und Polizei hatten vergangene Woche die Existenz einer solchen Geheimpolizei dementiert und ebenfalls abgestritten, dass Überwachungsmaßnahmen gegen die Angeklagten und Verteidiger im „Bommeleeër“-Prozess angestrengt wurden.

Das hat die Verteidigung allerdings wenig beruhigt. Me Vogel sieht Zusammenhänge zwischen einer möglichen Überwachung und dem Anschlag auf die Vordertür des Gebäudes, in dem seine Kanzlei untergebracht ist. Am 19. Juli hatte ein unbekannter Täter die Glastür zerstört.

Wie Vogel ferner berichtete, sei am 21. Juli das Auto seines Klienten Marc Scheer aufgebrochen worden, ohne dass etwas entwendet worden sei. Der andere Angeklagte Jos Wilmes sei bei Spaziergängen mehrmals auf Polizisten mit Hunden getroffen. Dessen Verteidigerin Lydie Lorang sagte ihrerseits, dass Unbekannte versucht hätten, in ihre Kanzlei einzudringen, während die dortige Telefonzentrale „gehackt“ worden sei. „Die Zufälle häufen sich“, unterstrich Me Lorang. Me Vogel sprach von Versuchen, die Verteidigung zu destabilisieren.

Georges Oswald erklärte, dass die Staatsanwaltschaft noch auf den Bericht der Polizei bezüglich des Anschlags auf die Kanzlei des Rechtsanwalts warte. Trotzdem zeigte er sich „überzeugt“ dass der Vorfall nichts mit dem „Bommeleeër“-Prozess zu tun habe. Zum „Peloton d’observation et de surveillance“ meinte Oswald, so was habe es in der belgischen Polizei gegeben. Das Pendant in Luxemburg sei die Spezialeinheit USP. Er könne sich nicht vorstellen, dass ausländische Einheiten hierzulande Personen ohne irgendwelches Mandat überwachen würden.

Nach einer kurzen Pause beschloss Richterin Conter, den Geheimdienstdirektor Patrick Heck als Zeugen vorzuladen. Der Schreiber des „POSA“-Briefs soll zunächst von der Kriminalpolizei gehört werden. Heute wird sich das Tribunal mit den Schrift- und Sprachanalysen der „Bommeleeër“-Erpresserbriefe befassen.